Fukushima und die Regierung in Japan Warum sich diese Katastrophe nicht abschalten lässt

Japan erklärt das Fukushima-Drama für beendet - eine Farce angesichts der Zustände in den Reaktoren. Die Regierung spricht von Kaltabschaltung und tut so, als habe man es mit einer funktionstüchtigen Nuklearanlage zu tun, bei der man das Brennmaterial einfach entnehmen könne. Doch die Demontage des havarierten AKW wird noch Jahrzehnte dauern.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Die Nuklearanlage Fukushima I ist diese Woche nicht sicherer geworden. Die prekäre Stabilität, von der Japans Premier Yoshihiko Noda nun spricht, wurde schon vor einiger Zeit erreicht. Die Ruine ist also einigermaßen unter Kontrolle. Tritt keine neue Katastrophe ein, dann dürfte das so bleiben. Aber diese Stabilität wird noch lange fragil sein. Hinter Nodas Ankündigung steckt also kein tatsächlicher Fortschritt, sondern ein politisches Motiv.

In der Kerntechnik steht der Begriff Kaltabschaltung für ein Absinken der Brennstäbe-Temperatur unter 100 Grad. Das Kühlwasser kocht nicht mehr, man kann den Reaktor öffnen und die Brennstäbe entnehmen. In den havarierten Reaktoren gibt es aber keine Brennstäbe mehr. Sie liegen vermutlich geschmolzen am Boden.

Immerhin scheint es gelungen, diese Schmelztiegel unter den Siedepunkt zu kühlen. Dafür den Begriff Kaltabschaltung zu verwenden, ist zumindest fahrlässig. Die Regierung tut so, als habe man es mit einem funktionstüchtigen Reaktor zu tun, bei dem man nun das nukleare Brennmaterial entnehmen könne. Von diesem Moment ist Fukushima I aber noch 10 bis 25 Jahre entfernt.

Eine ebenso leere Ankündigung machte der Premier schon im Oktober. Damals hob er die Evakuierungsempfehlung für die 20- bis 30-Kilometer-Zone auf. Damit schien er das Versprechen erfüllen zu wollen, wonach die ersten Nuklearflüchtlinge noch dieses Jahr in ihre Häuser zurück könnten. Alles also nach Plan? Weit gefehlt. Die betroffenen Gemeinden mussten ihre Bürger warnen, die nötige Dekontaminierung sei noch längst nicht erreicht. Vor allem Familien mit Kindern können noch lange nicht zurück.

Vertrauen in Tepco

Noda hat, seitdem er im September Premier wurde, größere Stolpersteine geschickt gemieden. Um Konflikten auszuweichen, hat er seinen Gesprächspartner immer wieder gesagt, was sie hören wollten. In der Außenpolitik machte er den USA zweideutige Zusagen über die Beteiligung Japans an einer pazifischen Freihandelszone. Später wollte er lediglich darüber verhandeln. In der Innenpolitik wagt er trotz der brennenden Probleme Japans wenig.

Wenn Noda den Atomunfall jetzt für abgeschlossen erklärt, dann will er lediglich einen Erfolg für sich reklamieren. Außerdem lässt er die Betreibergesellschaft Tepco an der guten Nachricht teilhaben und versucht, eine Normalität herbeizureden. Tepco hatte im April versprochen, bis Ende des Jahres eine Kaltabschaltung zu erreichen. Nach der Definition des Premiers und der AKW-Betreiberin ist dieser Schritt also geglückt.

Kann man Tepco, die sich als korrupt und schlampig erwiesen hat, also doch trauen? Premier Noda tut es bereits. Er will Tepco weiter die Führung eines Industrie-Konsortiums zum Export von Atomkraftwerken nach Vietnam anvertrauen. Für Noda und Tepco ist die Katastrophe von Fukushima ja jetzt vorbei. Sie unterschlagen, dass der Demontage-Zeitplan auf 40 Jahre angelegt ist.