Frühkindliche Entwicklung Warum vernachlässigte Kinder so lange leiden

Bekommen Säuglinge zu wenig Geborgenheit, kann ihr Krankheitsrisiko für das ganze Leben steigen. Psychologen und Biologen diskutieren, ob es möglich ist, mit diesem Wissen den Betroffenen zu helfen und neues Leid zu vermeiden.

Von Peter Spork

Was wäre, wenn man einen grundlegenden biochemischen Mechanismus gefunden hätte, der an der Entstehung so verschiedener Leiden wie Depression, Diabetes und Herzinfarkt beteiligt ist? Begänne dann nicht binnen kurzer Zeit eine neue Ära der Medizin?

Leider nein, sagt der Trierer Biopsychologe Dirk Hellhammer: "Wir müssen endlich lernen, wie wir Resultate aus dem Labor schneller zum Patienten bringen." In diesem Fall geht es Hellhammer um Erkenntnisse über Stress, den Kinder um ihre Geburt herum erfahren, und der sie womöglich ihr ganzes Leben lang anfällig für Krankheiten macht.

Hellhammers Kollege Michael Meaney von der McGill University in Montreal hatte 2004 ein Experiment mit Ratten publiziert. Neugeborene Tiere, die von ihren Müttern in den ersten Tagen nach der Geburt nicht ausreichend geleckt und umsorgt wurden, hatten zeitlebens Probleme mit der Stressregulation. Ursache ist eine bleibende Veränderung am Erbmolekül einer Gruppe von Gehirnzellen. Weil sich außen an die DNA wegen des frühen Stresses besonders viele Methylgruppen heften, bilden die Zellen ungewöhnlich wenige Cortisolrezeptoren.

Auf einen plötzlichen Anstieg dieses Stresshormons reagieren die Zellen deshalb nur träge. Das macht wiederum das ganze Tier empfindlich für Belastungen und auffallend furchtsam.

Von Ratten und Menschen

Längst gibt es überzeugende Indizien, dass bei Menschen mit einer dauerhaft erhöhten Stressempfindlichkeit ähnliche Veränderungen geschehen wie bei Meaneys Ratten. Andere Forscherteams haben zudem weitere biochemische Veränderungen am Erbgut von Gehirnzellen identifiziert, die ebenfalls die sogenannte Stress-Achse verstellen. Die Liste der Leiden, für die das zumindest mitverantwortlich ist, reicht von psychischen Krankheiten wie Depression und Drogenabhängigkeit über psychosomatische Leiden wie Allergien bis zu Beschwerden wie Diabetes, Krebs und Herzinfarkt.

Die angehefteten Methylgruppen an den Erbanlagen sind der Forschungsgegenstand der Epigenetik. Mithilfe der Anlagerungen bestimmt eine Zelle, welches ihrer Gene aktivierbar ist und welches nicht. So legt sie nicht nur ihre Identität fest - ob sie eine Leber- oder eine Nervenzelle ist zum Beispiel. Sie kann auch auf Umweltreize reagieren, auf Ernährung, körperliche Anstrengung, Klima oder anhaltenden Stress. Michael Meaneys Verdienst ist es, solche eher theoretischen Überlegungen im Tiermodell sichtbar gemacht zu haben.