Frauen in der Forschung "Manche würden mich als agressiv bezeichnen"

Frauen müssen mehr Hindernisse für eine akademische Karriere überwinden als Männer - besonders stark gilt das für naturwissenschaftliche Fächer. Eine wichtige Rolle spielen dabei gesellschaftliche Normen - in Südafrika noch stärker als in Deutschland. Ein Gespräch über die Erfahrungen von Wissenschaftlerinnen aus zwei sehr unterschiedlichen Ländern.

Von Silvester Popescu-Willigmann und Britta Thege

Die Chancen von Akademikerinnen auf eine Karriere sind noch immer deutlich kleiner als die ihrer männlichen Kollegen - das gilt insbesondere in den sogenannten MINT-Wissenschaften (Mathematik, Ingenieurswesen, Naturwissenschaften, Technik). Das gilt in Deutschland genauso wie in Südafrika. Es gibt zwischen beiden Ländern jedoch auch kulturelle und politische Unterschiede, die sich auf die Perspektiven der Frauen auswirken. Auf einer Konferenz des Instituts für Interdisziplinäre Genderforschung und Diversity (IGD) der Fachhochschule Kiel haben sich Wissenschaftlerinnen darüber ausgetauscht, welche Hürden im Wissenschaftssystem für Frauen bestehen - und was sich ändern muss. Ein Gespräch mit Heike Kahlert vom Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, Elaine Salo, Direktorin des Instituts für Women's and Gender Studies an der Universität von Pretoria in Südafrika, Rejoice Malisa von Marlow Aquatec, Südafrika, und der deutschen Gründerin der Organisation ScienceMums, Karin Bodewits.

SZ.de: Studentinnen und Akademikerinnen sind in der Vergangenheit in der Regel auf mehr und andere Probleme gestoßen als ihre männlichen Kollegen. Wie ist die Situation derzeit?

Heike Kahlert: In Deutschland stellen Frauen inzwischen nahezu 50 Prozent der Studierenden - vom Studienbeginn bis zum Abschluss. Auch bei den Promotionen sind sie fast gleichauf mit den Männern. In der wissenschaftlichen Laufbahn ist die Phase zwischen dem Abschluss der Promotion und der Berufung auf eine Professur noch immer sehr hürdenreich. Hier sinkt der Frauenanteil deutlich. Es gibt gleichwohl große Differenzen zwischen den Fächern und Fächergruppen: In einigen MINT-Fächern bleibt die Beteiligung von Frauen besonders weit hinter der der Männer zurück. Das gilt speziell für Physik und die Ingenieurwissenschaften.

SZ.de: Woran liegt das?

Kahlert: Frauen werden seltener als Männer für qualifizierte Stellen rekrutiert und auf Professuren berufen. Außerdem gibt es Hindernisse beim Erhalt von Forschungsmitteln und bei hochwertigen international anerkannten Publikationen. Hinzu kommen subtilere Diskriminierungen im wissenschaftlichen Alltag, zum Beispiel durch selektiven Informationsfluss. Wenn es um den Aufstieg in Spitzenpositionen geht, also um Macht, Einfluss und Ressourcen, gibt es immer noch einen "Gender Bias" - und zwar in allen Fächern.

Karin Bodewits: In der Phase nach der Promotion geht man in der Regel durch mehrere befristete Verträge. Das ist eine Zeit der Unsicherheit und schlechten Planbarkeit, die oftmals mit einer Mutterschaft zusammenfällt. Die Risikobereitschaft von Frauen nimmt in dieser Zeit ab, da man sich in einer solchen Konstellation sehr schnell ohne Arbeitsvertrag mit einem schreienden Kleinkind auf dem Arm wiederfindet. Dazu kommt noch mangelnde Kleinkindbetreuung und der soziale Druck, als Mutter möglichst viel Zeit alleine mit dem Kind zu verbringen. Die Brüche im Lebenslauf, die sich in dieser Phase ergeben, erschweren die Veröffentlichung von Arbeiten und verhindern so eine herausragende Publikationsliste. Und eine solche Liste ist sehr wichtig für die Berufung auf eine Professur.

SZ.de: Wie ist die Situation in Südafrika?

Elaine Salo: Es sind besonders die vorherrschenden Normvorstellungen, die Barrieren für Frauen darstellen: Es wird erwartet, dass für Frauen die Ehe sowie die Familiengründung und -versorgung Vorrang haben vor der Bildung.

Rejoice Malisa: Und einmal verheiratet, lässt der Wunsch nach Bildung bei den meisten Frauen selbst nach. Ihre Familien haben oberste Priorität, noch vor der Karriere.

Salo: Sobald Frauen ihren beruflichen Werdegang beginnen, müssen sie eine Balance finden zwischen ihrer Karriere und den Erwartungen an sie als Ehefrauen und Mütter. Sofern sie kein sehr ausgeprägtes Unterstützungssystem haben, werden sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach isoliert fühlen und wissenschaftlich hinterherhinken.

Malisa: Neben dem gesellschaftlichen Druck können auch die Erwartungen der Eltern ein Hindernis für Mädchen sein. Viele gehen davon aus, dass die Jungen die Mädchen in Wissenschaften und Mathematik übertreffen, während die Mädchen in Sprachen besser sein sollen.Und die Vorstellungen der Eltern von den Fähigkeiten ihrer Kinder haben einen großen Einfluss auf deren Leistungen. Frühkindliche Erziehung wirkt sich darauf aus, wie jemand die Welt um sich herum wahrnimmt. Und Töchter werden bei uns in der Kindheit kaum mit Mathematik, Naturwissenschaft und Technik konfrontiert.