Von Markus C. Schulte von Drach

Was der eine mit Freude betrachtet, davon wendet sich der andere verständnislos ab. Und dann gibt es jene Bilder, die wirklich jeder schön findet. Wie kann das sein?

Was ist Kunst, was ist Ästhetik? Dieser Frage gehen Künstler und Philosophen seit Jahrtausenden nach. Inzwischen beschäftigen sich zunehmend auch Psychologen und Naturwissenschaftler mit dem Thema.

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Wann empfinden wir ein Bild als ästhetisch? (© Foto: iStock)

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Aber kennen wir die Antwort insbesondere für Malerei und Bildhauerei nicht schon längst? "Kunst beziehungsweise Schönheit liegt im Auge des Betrachters", heißt es häufig. "Schön ist, was für Auge und Ohr angenehm ist", erklärten die Sophisten im fünften Jahrhundert vor Christus. Und für Platon (427 bis 347 vor Christus) war das Schöne das Wahre und Gute.

Doch es sind noch viele Fragen offen: Warum finden so viele Menschen so häufig dasselbe Objekt schön - andererseits gibt es große Unterschiede in den individuellen Beurteilungen des ästhetischen Wertes vieler Kunstwerke? Wie lassen sich Universalität einerseits und individueller Geschmack andererseits unter einen Hut bringen?

Worin sich alle Menschen gleichen

Tatsächlich gibt der Satz, Kunst oder Schönheit lägen im Auge des Betrachters, bereits einen Hinweis darauf, was tatsächlich dahinter steckt. Allerdings nicht ganz so, wie die Aussage in der Regel gemeint ist.

Natürlich ist die Wahrnehmung eines Objektes als schön oder überhaupt als Kunstwerk stark geprägt von individuellen Faktoren: Soziale, psychologische, philosophische, historische Aspekte spielen eine wichtige Rolle. So tendieren Menschen dazu, alles Ungewöhnliche abzulehnen.

Auf der anderen Seite aber funktioniert der Verarbeitungsprozess der Informationen bei allen Menschen über den selben Weg: Vom Auge aufgenommen werden die Informationen über die Eigenschaften des Kunstwerkes zerlegt, in verschiedene Hirnareale geleitet, gefiltert, gewichtet und emotional beurteilt. Schließlich lösen sie ein bewusst (oder auch unbewusst) wahrgenommenes Gefühl aus.

Dabei ist nicht nur der Aufbau des Augapfels bei allen Menschen im Prinzip gleich. Auch die Weise, wie die Reize im Gehirn verarbeitet werden, stimmt in der Regel bei uns allen überein. Und diese Weise hängt wiederum stark mit unserer Evolutionsgeschichte zusammen. Deshalb lag Cicero (106 - 43 vor Christus) nicht falsch, als er erklärte, der Mensch besitze einen angeborenen Sinn fürs Schöne und die Kunst.

Dass unsere Wahrnehmung von Ästhetik stark universell ist, lässt sich an einigen konkreten Beispielen belegen. So konnten Verhaltensbiologen etwa eine große Übereinstimmung bezüglich der Aspekte beobachten, nach denen wir unsere Mitmenschen als attraktiv beurteilen - insbesondere die Gesichts- und Körperproportionen sind hier wichtig.

Offenbar interpretieren Menschen bestimmte Eigenschaften als Hinweis auf Gesundheit und Fortpflanzungsfähigkeit - und nehmen diese als besonders attraktiv wahr. Natürlich spielen auch hier soziokulturelle Aspekte eine Rolle. Doch der Trend ist deutlich.

Auch unser Urteil über Landschaftsbilder hängt offenbar sowohl mit individueller Geschichte als auch mit unserer evolutionären Herkunft zusammen. So werden besonders solche Darstellungen bevorzugt, die derjenigen Gegend ähneln, in der wir aufgewachsen sind.

Auf der anderen Seite scheint es eine allgemeine Vorliebe für parkähnliche Landschaften mit Grünflächen und begrenzten Baumgruppen, Seen und Bächen und Hügeln zu geben - ganz ähnlich der afrikanischen Savanne, in der unsere Vorfahren sich entwickelten. Vermutlich empfinden wir aus ähnlichen Gründen auch Farben auf bestimmte Weise. So steht Blau für Wasser, Grün für Pflanzen - beides braucht der Mensch fürs Überleben.

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