Forschungsprojekt der EU Terrorabwehr über die Kanalisation

Die verschiedenen Teile des Projekts "Emphasis", das von der EU mit 4,5 Millionen Euro finanziert wird

Geheimdienste überwachen und filtern die Datenkanäle des Internets, um Terroristen auf die Spur zu kommen. Mit dem gleichen Ziel arbeiten Wissenschaftler im Auftrag der EU an der Überwachung der Abwasserkanäle.

Die Empörung über die massiven, weitgehenden Abhörmaßnahmen der Geheimdienste ist groß. Mobiltelefone selbst von Spitzenpolitikern werden abgehört, Datenleitungen des Internets offenbar flächendeckend überwacht.

Ganz andere Kanäle dagegen wollen Forscher im Auftrag der Europäischen Union auf Terror-Hinweise analysieren: die Abwasserkanäle.

Während die Geheimdienste eine Art Filter einsetzen, die in den Datenströmen der Internetfirmen wie Google, Facebook und Microsoft bestimmte Begriffe aufspüren, setzen die Wissenschaftler des Projekts "Emphasis" auf Sensoren, die auf bestimmte Substanzen reagieren. Und zwar solche, die darauf hindeuten könnten, dass jemand in Küche oder Bad an Bomben bastelt.

Während es nicht ganz klar ist, wie die Geheimdienste in den riesigen Datenmengen tatsächlich relevante Informationen aufspüren, ist die Sache mit den Abwässern im Prinzip leicht zu verstehen: Zum Bau einer Bombe sind bestimmte chemische Substanzen notwendig sowie chemische Prozesse, bei denen bestimmte Nebenprodukte entstehen.

Nach oder während des Baus einer Bombe geraten solche Substanzen über die Toilette oder den Abfluss normalerweise in die Abwasserkanäle - etwa wenn Reste entsorgt werden oder sich die Bombenbauer die Hände waschen. Hier, so der Plan der "Emphasis"-Experten, könnte ein Netz von Sensoren installiert werden, die einen Alarm auslösen, wenn sie auftauchen.

Auch Netz von oberirdischen Sensoren denkbar

Wie das Wissenschaftsmagazin New Scientist berichtet, sieht der Vorschlag vor, dass dann Polizisten mit einem mobilen Sensor versuchen, diese Spur bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen. Dann bekäme der Begriff "Schnüffler" im Zusammenhang mit den Sicherheitsbehörden eine neue Bedeutung.

Installiert werden könnte den Forschern zufolge auch ein Netz von oberirdischen Sensoren, die auf Gase reagieren, die bei der Herstellung von Bomben entstehen. Schwaden aus der Wohnung der Terroristen, die 2005 in London mehrere Bomben gezündet hatten, hatten im Garten des Hauses sogar Pflanzen eingehen lassen. Das erklärte dem New Scientist zufolge der Projektmanager von "Emphasis", Hans Önnerud vom schwedischen Forschungsinstitut für Verteidigung und Sicherheit (FOI).

Das Institut, das dem Verteidigungsministerium in Stockholm unterstellt ist, entwickelt mit Forschungsgeldern der Europäischen Union verschiedene Möglichkeiten, Anschläge zu verhindern, indem die Werkstätten der Bombenbastler frühzeitig identifiziert werden.

Önneruds Team, schreibt New Scientist, habe kürzlich auf dem International Symposium on the Analysis and Detection of Explosives (ISADE) im niederländischen Den Haag von erfolgreichen Versuchen mit den Abwassersensoren im Labor berichtet - vorgenommen mit angemessen verschmutztem Wasser.

Bei den zehn Zentimeter langen Sensoren handelt es sich demnach um "ionenselektive Elektroden", die die Konzentration bestimmter geladener Teilchen in wässrigen Lösungen messen können. Im nächsten Jahr sollen Feldversuche in der Kanalisation stattfinden.

Oberirdisch dagegen könnte mit Infrarotlasern die Zusammensetzung der Luft in einem bestimmten Gebiet darauf hin überwacht werden, ob bestimmte Moleküle auftauchen.

Auch Drogenlabore sollen sich aufspüren lassen

Die Abwassersensoren könnten allerdings auch dazu verwendet werden, Drogenlabore aufzuspüren. Auch bei der Produktion illegaler Betäubungsmittel gelangen normalerweise bestimmte Stoffe in die Kanalisation.

Oder sie werden eingesetzt, um Tendenzen beim Drogenkonsum in den Städten aufzuzeigen. So haben Wissenschaftler der University of Adelaide in Australien 2011 festgestellt, dass der Ecstasy-Gebrauch an Wochenenden um das Fünffache zunimmt. Im Prinzip wären natürlich auch Sensoren denkbar, mit denen zum Beispiel die Ernährungsgewohnheiten der Stadtbewohner verfolgt werden könnten.

Rachel Cunningham von Thames Water, dem Wasserversorgungsunternehmen, das für die Abwasserkanäle von London zuständig ist, äußerte sich im New Scientist allerdings skeptisch. Sie befürchtet, dass es schwierig sein dürfte, solche Sensoren angesichts des ganzen Drecks, der in den Kanälen schwimmt, sauber genug zu halten, damit das System funktioniert.

Vermutlich wird es demnach noch eine Weile dauern, bis unter unseren Füßen Alarm ausgelöst wird, wenn in unserer Gemeinde jemand eine Bombe baut. Oder wenn die Bürgerinnen und Bürger mit viel zu viel Fett kochen.

Und selbst wenn das System einmal installiert sein sollte, können Terroristen versuchen, bis zu einem Anschlag alles verdächtige Wasser in der Wohnung aufzubewahren.