Forschungskommunikation Sprecht Klartext

Ein neuer Leitfaden rät Klimaforschern zu mehr Deutlichkeit. Bislang sind Experten zu zurückhaltend, wenn Extremwetter auftreten.

Von Benjamin von Brackel

Am 3. Juni 2016 blieb der Pariser Louvre geschlossen. Statt Besuchermassen wuselten nur Mitarbeiter durch die Gänge, um eiligst Gemälde im Erdgeschoss abzuhängen und in höher gelegene Stockwerke zu schaffen. In Paris liefen Keller voll, Strom fiel aus, Mehr als ein Dutzend Menschen kamen in den Fluten ums Leben. Auch in Deutschland sorgte "Tief Mitteleuropa" für extreme Regenfälle mit Überschwemmungen. Die französischen Medien berichteten über das Hochwasser - von einem Zusammenhang mit dem Klimawandel war aber kaum die Rede. Bis heute sind viele Meteorologen und Klimaforscher vorsichtig: Ein einzelnes Extremwetterereignis, so heißt es immer wieder, sei kein Beweis für den Klimawandel.

"Das ist keine gute Antwort", sagt Susan Joy Hassol, Kommunikationsexpertin für den Klimawandel. In einem Leitfaden, der kürzlich im Bulletin der Weltorganisation für Meteorologie erschienen ist, empfiehlt Hassol klarere Worte: weniger relativieren, mehr Fakten benennen. Die wissenschaftliche Grundlage dafür wurde schon vor mehr als einem Jahrzehnt gelegt. Es war das Jahr 2003, als eine Hitzewelle über Europa rollte und der Klimaforscher Peter Stott das Ereignis durch seine Computermodelle laufen ließ. Einmal schaltete er die menschlichen Einflüsse aufs Klima an, einmal aus. Das Ergebnis: Mit Klimawandel war eine Hitzewelle wie diese vier Mal wahrscheinlicher als ohne.

Auch Nichtraucher können Lungenkrebs bekommen. Aber deutlich seltener

In Bevölkerungs- und Gesundheitsstudien sind diese Rechnungen längst Standard. Wenn jemand raucht, lässt sich berechnen, wie stark er damit die Wahrscheinlichkeit erhöht, an Lungenkrebs zu sterben. Zwar kann man auch Lungenkrebs bekommen, ohne je geraucht zu haben; aber ein Kettenraucher muss sich nicht wundern, wenn er erkrankt. Ähnlich ist es mit Extremwetter: Auch ohne Klimawandel wären Wetterkatastrophen möglich, aber der Klimawandel macht deutlich wahrscheinlicher. Die physikalischen Zusammenhänge dafür sind verstanden. Zuweilen sind sogar handfeste Zuordnungen möglich: Der extrem heiße australische "Angry Summer" 2012/2013 etwa wäre laut einer Studie im Fachmagazin Geophysical Research Letters ohne Klimawandel kaum möglich gewesen.

Hinzu kommt, dass die Analyse immer schneller wird: Oft lässt sich nun die Rolle berechnen, die der Klimawandel in der Entstehung von Überflutungen oder Hitzewellen gespielt hat, noch während darüber berichtet wird. Nach dem Hochwasser in Paris dauerte es keine Woche, bis Klimaforscher des Königlichen Niederländischen Meteorologischen Instituts (KNMI), der Universität Oxford und anderen Instituten mit Hilfe von Statistiken sowie globalen und regionalen Klimamodellen errechneten, dass die Wahrscheinlichkeit für so einen dreitägigen Starkregen in dieser Jahreszeit im Gebiet der Seine um 80 Prozent zugenommen hat, im Gebiet der Loire sogar um 90 Prozent.

Trotzdem halten sich Fachleute nach wie vor mit Verbindungen zum Klimawandel zurück, wenn es in Interviews um Dürren, Wirbelstürme oder Überflutungen geht. Hassol hält das für einen schweren Fehler. In ihrem Leitfaden empfiehlt sie, in Interviews mit dem zu beginnen, was bekannt ist. Etwa, dass sich alle heutigen Wetterereignisse in einer veränderten Umwelt abspielen - die wärmer ist, die mehr Wasserdampf in der Atmosphäre enthält, eine höhere Ozeantemperatur, einen höheren Meeresspiegel. Um das zu verdeutlichen, empfiehlt sie Metaphern wie diese: "Die globale Erderwärmung setzt unser Wetter auf Steroide. Wir erleben mehr von dieser Art Wetterereignisse, sie sind stärker und dauern länger."