Forschung mit Gefühl Der falsche Eindruck vom emotionalen Ausdruck

Wer keine Gefühle zeigt, gilt schnell als kalt oder unecht, emotionales Verhalten dagegen soll ein Zeichen persönlicher Authentizität sein. Doch hinter diesen Annahmen steckt offenbar ein großes Missverständnis.

Von Alexander Grau

Gefühle auszuleben gilt als wichtig. Von der Kummerkasten-Tante bis zum promovierten Psychotherapeuten sind sich darin alle einig. Und da Emotionalität mit Authentizität gleichgesetzt wird, gelten introvertierte oder beherrschte Menschen als verklemmt, kalt und irgendwie unecht.

Was steckt hinter der Fassade unserer Mimik?

(Foto: Foto: istock)

Das war natürlich nicht immer so. Zumindest für Männer galt das Zeigen von Gefühlen bis vor kurzem als Zeichen von Schwäche. Aber auch das hat sich geändert.

Doch eigentlich steckt hinter dieser Mode ein großes Missverständnis. Die Annahme, dass emotionales Verhalten ein Zeichen persönlicher Authentizität sei, beruht auf der Vorstellung, dass Gefühle und Gefühlsäußerungen untrennbar miteinander verbunden sind.

Wer seinen Gefühlsausdruck unterdrückt, so die landläufige Meinung, deformiere daher seine Gefühle. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass nur äußerlich erkennbare emotionale Reaktionen ein Zeichen dafür sind, dass im Inneren echte Gefühle empfunden werden, der Mensch also authentisch reagiert. Soweit die gängige Vorstellung.

Inzwischen aber beginnen Forscher, diese Verknüpfung als Klischee zu entlarven. Gefühl und Gefühlsausdruck sind eben nicht untrennbar miteinander verbunden, lautet die These, die Manfred Holodynski von der Universität Münster zusammen mit Wolfgang Friedlmeier von der Grand Valley State University im US-Staat Michigan verfolgt.

Eine reife und erwachsene Persönlichkeit zeichne sich gerade dadurch aus, dass sie ihre Gefühlsäußerungen kontrollieren könne, ohne dabei ihre Gefühle zu unterdrücken.

Nur bei Kindern eine Einheit

Nur bei Kindern bilden Gefühl und Ausdruck eine Einheit, sagen die Forscher. Hunger haben und Schreien ist für das Kind ein und dasselbe. Erst bei älteren Kindern beginnen sich Gefühl und Gefühlsausdruck zu entkoppeln.

Und wenn Erwachsene schließlich in der Lage seien, das innere Erleben vom äußeren Verhalten zu trennen, dann habe das nichts mit Falschheit oder Selbstverleugnung zu tun. Erst die Entkopplung ermögliche ein komplexes Sozialleben. Etwa wenn man seinem Chef nicht offen die Meinung sagt, sondern versucht, sein Ziel auf raffiniertere Weise zu erreichen.

Die nun von Holodynski kritisierte Einsicht, dass der Gefühlsausdruck der Schlüssel zum Verständnis der Gefühle sei, verdankt die moderne Forschung dem amerikanischen Psychologen Paul Ekman. Der Mimikforscher hatte über Jahrzehnte zahllose Gesichtsausdrücke gesammelt, katalogisiert und interpretiert.

Seine These: Der Mensch verfügt über ein Repertoire von mimischen Ausdrücken, die Menschen kulturübergreifend kennen und zeigen. Sie drücken angeborene Basisemotionen wie Angst, Wut, Trauer, Freude oder Ekel aus.

Inzwischen wird Ekmans Ansatz in der Mimik-Forschung aber in Zweifel gezogen. So weist Klaus Scherer, Emotionspsychologe an der Universität Genf, darauf hin, dass die angeblich so charakteristischen Mimiken der Basisemotionen im Alltag kaum zu beobachten sind.

Emotionen würden, so Scherer, in vielfältiger Weise ausgedrückt: "Die Vorstellung, dass unser emotionales Leben auf klar unterscheidbaren und unzerlegbaren Basisemotionen beruht, wird dessen Vielfalt und Variabilität nicht gerecht."

Auch Neugeborene verfügen schon über ein gewisses Repertoire, um ihre Bedürfnisse auszudrücken. Ekmans schematische Gesichter zeigen sie dabei allerdings selten. Anders als Ekman nehmen Forscher wie Scherer, Holodynski und Friedlmeier daher an, dass Emotionen nicht angeboren sind - Säuglinge müssen sie erlernen.

"Der Kern jeder Emotion ist bedürfnisgeleitete Kommunikation", erläutert Holodynski. Das Baby schreit, und Mama nimmt es in den Arm. Das Kleinkind lernt so, dass es mit seinem Gefühlsausdruck seine Umwelt steuern kann.

Die Gefühle, die es dabei hat, sind Holodynski zufolge vermutlich diffuse Körperempfindungen. Er nennt sie "Vorläufer-Emotionen". Erst im Austausch mit seinen Bezugspersonen lernt das Baby, seine Bedürfnisse immer differenzierter auszudrücken und wahrzunehmen, komplexe Gefühle zu entwickeln und diese verständlich zu machen.