Na also, es geht doch - zwei Nobelpreise erhalten deutsche Forscher in diesem Jahr und zeigen, dass die hiesige Forschungslandschaft besser ist, als oft behauptet. Ein Lackmustest für das System sind die Preise allerdings nicht.
Noch während die Bundesforschungsministerin Annette Schavan den frisch gekürten Physik-Nobelpreisträger Peter Grünberg in Berlin der Öffentlichkeit präsentierte, erreichte einen zweiten deutschen Forscher der Anruf von der Königlich-Schwedischen Akademie in Stockholm. Gerhard Ertl ist der Chemie-Nobelpreisträger 2007.
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Nun sind gleich zwei deutsche Naturwissenschaftler unter den Preisträgern dieses Jahres. Das liegt nicht nur weit über dem langjährigen Durchschnitt, es ist für die chronisch von Selbstzweifeln geplagte Forschungsnation Deutschland eine Sensation.
Ist ein Wunder geschehen? Hat sich Deutschland plötzlich von einem Land der abwandernden Schlauköpfe in ein Zentrum der Spitzenforschung verwandelt? Wurden in den vergangenen Jahren nicht vor allem Wissenschaftler ausgezeichnet, die zwar in Deutschland ausgebildet wurden, aber ihre Arbeit in anderen Teilen der Erde, zumeist den USA, fortsetzten?
Na also, es geht doch - das ist nun sicherlich die gute und wichtige Nachricht an alle in Deutschland tätigen Forscher. In Peter Grünberg und Gerhard Ertl werden zwei großartige Wissenschaftler geehrt, die ihre Entdeckungen in traditionsreichen deutschen Instituten machten. Dass nun Politiker und Forschungsorganisationen versuchen, einen Teil der Strahlkraft der schwedischen Ehrung für ihre eigenen Belange zu verwerten, ist nur ein lästiger und erwartbarer Nebeneffekt.
Zum Lackmustest für den aktuellen Zustand eines Wissenschaftssystems darf der Nobelpreis - und dürfen auch zwei Nobelpreise - aber nicht erhöht werden. Seit vielen Jahren schon erfüllen die Juroren in Schweden nicht mehr den testamentarischen Willen des Stifters Alfred Nobel. Der wollte die größte Leistung des jeweils vergangenen Jahres gewürdigt wissen.
Peter Grünberg erreichte seinen Durchbruch in der Magnettechnik vor knapp 20 Jahren, und die ausgezeichneten Arbeiten des 71-jährigen Chemikers Gerhard Ertl begannen schon in den sechziger Jahren. Wohlgemerkt: Beide haben den Preis verdient, aber eben schon seit langer Zeit. Grünberg zum Beispiel hat fast jeden Wissenschaftspreis erhalten, der in seinem Fach zu bekommen ist, bevor sich die Akademie in Stockholm dazu entschloss, ihre Ehrung hinzuzufügen.
Der Nobelpreis hat in der Öffentlichkeit ein so hohes Ansehen gewonnen, dass sich das Stockholmer Nobel-Komitee längst in einer Zwangslage befindet. In den naturwissenschaftlichen Disziplinen geht es bei der Auswahl der Laureaten praktisch nur noch darum, das Ansehen des Preises nicht zu beschädigen. Den aktuellen Zustand eines Wissenschaftssystems kann man daran nicht messen.
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Uuups! Da ist wohl einem mein Argument quer im Halse stecken geblieben?
Und dann werden "Gegenargumente" aufgebaut, die garnicht zur Debatte standen.
Sicher kann ich das Gegenargument (wogegen eigentlich?) "Auftragsforschung in
anwendungsnahen Bereichen gab es schon immer. Aber
nicht nur sofort Verwurst- und Verwertbares ist wertvolle Wissenschaft"
voll und ganz bestätigen. Habe ich sofort Verwurst- und Verwetbarem irgendwo das Wort geredet? Wo bitte?
Und sonst? Die beiden Nobels sind eben keine UNI-Foscher. (Punkt).Und unsere
Unis? Sind die denn nun finanziell und personell konkurrenzfähig ausgestattet oder nicht? Lässt den das Zahlenverhältnis Professoren/Studenten überhauopt noch konkurrenzfähge Spitzenforschung an Unis zu? Ja, natürlich, gottlob, die Ausnahmen gibt es (aber dann fragen Sie gefälligst auch nach den familiären, gesundheitlichen und sonstigen Folgen). Und schweigen wir lieber von dem historischen Ballast der fortschrittsfeindlichen Ordinarientradition. Wo hierzulande ein alternder Ordinarius den Fortschrtt in seinem Riesenlehrstuhl auf 10-20 Jahre blockiert, da werden in USA, GB, oder sonstwo mit den gleichen personellen und finaziellen Mitteln drei kleine Lehrstühle und die entsprechende Forschunsgbreite und -konkurrenz bereitgestellt.
P.S.: Ich hab' nix gegen Forscher in Jülich oder an MPI's . Ehrlich ;-)
ich kann Ihnen nur voll zustimmen. Das
Interview in der SZ heute mit den beiden Münchner Unipräsidienten war an Belanglosigkeit und Banalität kaum zu überbieten, man steckt unter einer Exzellenz-Decke und redet sich öffentlich mit Du an. Als wichtigtes Wertekriterium wird der Begriff des" Wettbewerbs" zelebriert. Die Bildung wird zur Ware und verliert den Status als Kulturgut und Menschenrecht. Warum eine "unternehmerische Universität" (homepage TU) für eine Elite besser sein soll als die alte bewährte Volkshochschule wird jedenfalls nicht klar.
Um den Unsinn dieses Arguments noch einmal zu beleuchten, ein Beispiel.
Das weltweit einzigartige "Cooler-Synchrotron" COSY, wird im FZ Juelich betrieben,
weil es die Moeglichkeiten einer einzelnen Universitaet uebersteigt und in Juelich das
noetige Knowhow schon im Ansatz vorhanden war. Schon in der Planungsphase
haben die zukuenftigen Forscher/Nutzer-Gruppen von verschiedenen Universitaeten
gestaltend mitgewirkt. Das heutige Program Advisory Committee, das ueber die
Projekt-Antraege von Forschungsgruppen entscheidet, ist international besetzt. Der
derzeitige Chairman lehrt zur Zeit in Kanada(!).
Diese Verzahnung von herausragenden Forschungsstaetten und Hochschulen ist
gerade eine Qualitaet unseres Wissenschaftssystems und auch ein Instrument der
verteilten Elite-Foerderung. Deshalb ist dieses Ausloben von "Elite-Hochschulen",
von Edelgard Bulmahn initiiert, ja ein so laecherlich unsinniges wie oberflaechliches
Nachaeffen amerikanischer Verhaeltnisse. Die Wissenschaftswelt hat sicher nur
deshalb dabei mitgemacht, weil es mit Forschungsmitteln verbunden ist. Diese haetten
aber genausogut, wenn nicht besser, direkt der DFG oder der MPG zugutekommen
koennen, wenn es um Elite-Foerderung gehen sollte.
Denn unsere Hochschullandschaft ist nun mal so, dass es auch an kleinen und
weniger beruehmten Unis Leute gibt, die zur absoluten Elite gehoeren.
"Zum Lackmustest: Beide Preistraeger haben die presiwuerdigen Ergebnisse vor
Urzeiten erzielt - und beide nicht an einer Universitaet."
Was soll das heissen?? Beide Preistraeger sind natuerlich schon seit Jahrzehnten
aufgrund ihrer Leistungen in Fachkreisen weltbekannt und vielfach ausgezeichnet
worden. Man darf eben auch den Nobelpreis nicht ueberbewerten, aber in einem
ANDEREN Sinne, als es Herr Illinger meinte.
In den letzten zehn Jahren haben immerhin fuenf Deutsche den Physik-Nobelpreis
erhalten. Das ist ziemlich erstaunlich. Denn die Verhaeltnisse der ersten Jahrzehnte
des 20. Jhdts kann man nicht ernsthaft zur Messlatte machen. Damals gab es in
Deutschland mehr Lehrstuehle fuer theoretische Physik als irgendwo sonst auf der
Welt. Inzwischen gibt's hochkaraetige universitaere Forschung auch in vielen anderen
Laendern.
Das Forschungszentrum Juelich, an dem Prof. Gruenberg taetig ist, hat etwa 300
Doktoranden von den umliegenden Universitaeten, an denen seine Professoren
Lehrveranstaltungen abhalten. Die Institutsdirektoren sind zugleich Lehrstuhlinhaber.
Forschungsgruppen aus ganz Deutschland (von Universitaeten) nutzen die besonderen
Moeglichkeiten des FZ J. Analog halten auch Max-Planck-Forscher Vorlesungen an
Universitaeten. Und an den Max-Planck-Instituten gibt es immer wieder Gaeste von
Universitaeten.
Was soll also das fuer ein Argument sein: "beide nicht an Universitaeten"??
Die gesamte Max-Planck-Gesellschaft mit ihren ca. 80 Instituten und mehr als 12500
Mitarbeitern bundesweit hat einen Etat von ca. 1.4 Milliarden Euro. Was weist wohl Siemens als F&E-Etat aus? Ich kenne nicht die aktuellen Zahlen. Aber fuenfmal so viel
halte ich fuer realistisch.
Glauben Sie etwa, was die Entrepreneurs de Siemens an Forschung vorzuweisen
haben, koenne sich auch nur von fern messen mit dem, was die brillanten Max-Planck-
Forscher insgesamt leisten??
Den Universitaeten geht es schlecht, weil sie unterfinanziert sind. Aber die wissenschaftliche Ausbildung und die grundlegende Forschung in die Abhaengigkeit
von kurzfristigen industriellen Verwertungsinteressen zu geben, halte ich fuer verwerflich. Der "Reform"-Trend geht, ideologischem Zeitgeist geschuldet, in diese
fragwuerdige Richtung.
Auftragsforschung in anwendungsnahen Bereichen gab es schon immer. Aber
nicht nur sofort Verwurst- und Verwertbares ist wertvolle Wissenschaft.
Hmmmm .... einige tun hier so als sei in dem Artikel alles Unsinn. Kann ich nicht nachvollziehen.
"Zum Lackmustest für den aktuellen Zustand eines Wissenschaftssystems darf der Nobelpreis - und dürfen auch zwei Nobelpreise - aber nicht erhöht werden" ist aus meiner Sicht (Forscher an einer ENTREPRENEURIAL University hier in D) genausowenig falsch wie die
"chronisch von Selbstzweifeln geplagte Forschungsnation Deutschland" .
Zum Lackmustest: Beide Preistraeger haben die presiwuerdigen Ergebnisse vor Urzeiten
erzielt - und beide nicht an einer Universitaet. Der Zustand unserer Universitaeten (und
damit unsere ForschungsZUKUNFT) ist nur noch zum Weinen. Und ganz klar, Begriffe
wie "Exportweltmeister" moegen zwar beruhigend klingen, haben aber mit der
Forschungsproblematik absolut nichts zu tun.
Zu den Selbstzweifeln: Die haben auch sehr viel mit der intellektuellen und gesellschaftlichen
Akzeptanz von Naturwissenschaften und Technik zu tun. Und da haben wir hier
traditionell massive Defizite z.B. gegenueber USA, GB, F, J, ....
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