Folgen des Klimawandels Yerimas Hoffnung

Südlich der Sahara führt der Klimawandel bereits heute zu massiven Ernteausfällen. Im westafrikanischen Benin lernen Bauern wie Orou Yerima, sich gegen die Dürre zu wappnen.

Von Susanne Götze

Der alte Orou Yerima steht in den Ackerfurchen seines Feldes und freut sich wie ein kleiner Junge. Die Mittagshitze hat sich auf die verdorrte Landschaft im Norden Benins gelegt, es hat seit Monaten nicht geregnet. Pflanzen und Bäume sind sandfarben, und als flirrende Silhouetten trotten Herden abgemagerter Rinder über die staubigen Äcker. Bauer Yerima deutet auf einen fast kahlen Baum. Das kleine Wunder: Aus den nackten Ästchen keimen grüne Blätter - obwohl es seit Monaten kaum geregnet hat. Für Yerima ein Zeichen dafür, dass es bergauf geht; sein Boden lebt.

Orou Yerima arbeitet schon ein halbes Jahrhundert auf den Feldern im Norden Benins. Er hat zwei Frauen und fünf Kinder, wohnt in einer kleinen Lehmhütte und besitzt einen alten Motorroller. Sein Dorf Wara liegt eine Tagesreise vom Meer entfernt. Von der alten Kolonialstadt Porto-Novo nahe der Küste am Golf von Guinea führt eine betonierte Straße in den hohen Norden von Benin, ein Land, das wie ein Handtuch zwischen den Nachbarstaaten Togo und Nigeria eingeklemmt ist. Zu Yerimas Dorf Wara, das nur auf sehr detaillierten Karten verzeichnet ist, führt ein rötlicher Sandweg vorbei an schreienden Kindern und mit Wellblech gedeckten Lehmhütten - weit hinein in den Busch.

Mindestens ein Drittel der Böden im Norden des Landes ist unfruchtbar

Orou Yerima trägt eine bunte Tunika und eine muslimische Gebetskappe. Seine ledrige Haut, die tiefen Falten und die schlechten Zähne zeugen von einem harten Leben. Der 70-Jährige hat in Benin Regierungen kommen und gehen sehen, er hat Dürren und Überschwemmungen erlebt und sich durchgeboxt. Schlechte Zeiten gab es immer, aber auf die folgten zuverlässig gute Jahre. Doch damit ist es nun vorbei. "Seit vielen Jahren kommt der Regen nicht mehr regelmäßig", erzählt der Bauer in der lokalen Sprache Baatonum. "Wir säen aus, warten, aber der Regen kommt, wann er will, man kann sich auf nichts verlassen und oft vertrocknet unser Saatgut." Orou Yerimas jüngste Frau erzählt, das Geld fehle, um die Kinder einzuschulen. Das liege am Klimawandel, hätten die Leute gesagt. Der Klimawandel sei schuld, dass die Wolken regenlos weiterzögen.

So ähnlich klagen Millionen Bauern in Ländern südlich der Sahara. Ein fataler Mix von verschleppten Problemen und einem Klima, das nicht mehr nach den Regeln spielt, gefährdet ihre Existenz. "In einem Jahr kann erst eine Dürre die Ernte verringern und dann eine Überschwemmung", beobachtet der beninische Agraringenieur Amadji Firmin, der auch den Bauern im Dorf Wara hilft, sich an das neue Klima anzupassen. Er hat die vergangenen dreißig Jahre den beninischen Staat und Hilfsorganisationen beraten. "Nimmt man heute zehn Jahre, dann sind sechs davon schlechte Erntejahre, zwei davon sind mittelmäßig und nur zwei wirklich gut." Eine aktuelle Prognose des amerikanischen MIT bestätigt den Eindruck: Insgesamt könnten die Ernten südlich der Sahara demnach in den kommenden Jahrzehnten um 20 Prozent einbrechen, in einigen Ländern könnten Dürren und Starkregen sogar 50 Prozent der Ernten vernichten.

Doch der Klimawandel ist nur eines unter mehreren Problemen der Bauern - und die anderen sind hausgemacht. Seit Jahrzehnten holzen die Bauern den ohnehin mageren Baumbestand vor ihrer Haustür ab, vor allem für den Baumwollanbau und als Brennholz. Dadurch veröden ganze Landstriche, das Mikroklima verändert sich: Hitze nimmt zu, Niederschlag ab. Hinzu kommen starke Winde und Windhosen, die Häuser zerstören und alles mit einem feinen Staub bedecken.

Am meisten machen jedoch die ausgelaugten Böden den Bauern zu schaffen, meint der Agraringenieur. "Früher gab es eine fünfprozentige Humusschicht, heute kommen wir auf maximal ein Prozent: Wir haben hier Böden, die nur noch aus Sand und Steinen bestehen, es ist kaum mehr Leben darin." Sie enthalten kaum noch Mineralien und taugen nicht mehr als Wasserspeicher. Ein Drittel bis zur Hälfte der Böden im Norden des Landes sind nach Zahlen von Benins Agrarinstitut Inrab und der deutschen Entwicklungsorganisation GIZ so gut wie unfruchtbar.

Offiziell gibt es noch keine Klimaflüchtlinge, aber in Benin sind sie bereits Realität

Früher habe es schlicht mehr Land für weniger Leute gegeben, erzählen die Leute in der Region Gougounou, zu der das Dorf des Bauern Yerima gehört. Schlechten Boden konnte man ein paar Jahre in Ruhe lassen, oder eine andere Frucht anbauen, damit er sich wieder erholt. Heute gibt es mehr Konkurrenz, da sich die Landbevölkerung alle zwei Jahrzehnte verdoppelt. Und die Verlockung ist groß, das einzige lohnende Produkt, die Baumwolle, anzubauen und dafür abzuholzen. "Unsere Felder sind von der Baumwollproduktion völlig ausgelaugt, schon heute streiten sich Viehhalter und Bauern um die letzten fruchtbaren Flecken", berichtet Moudachirou Soule, der für die Verwaltung in der Region arbeitet. Er sitzt in einem frisch errichteten Bürogebäude gut zwei Stunden südlich des Dorfes Wara. "Immer mehr junge Leute gehen in die Städte und bieten Taxiservices an oder werden Verkäufer, es gibt immer mehr hungrige Münder, aber immer weniger Bauern und fruchtbare Böden."

Die Regierung setzt auf Dezentralisierung, versucht die Regionen zu stärken. Auch im Umweltministerium ist man besorgt: "Wir haben es hier mit einer leisen Vertreibung zu tun, deren Ausmaße in Benin noch niemand wirklich gemessen hat", meint Médard Ouinakonhan, Leiter der Abteilung Klimaschutz im Umweltministerium in Cotonou. "So etwas wie Umwelt- oder Klimaflüchtlinge gibt es ja offiziell noch gar nicht, aber es ist unsere Realität". Noch hat die Regierung keine Zahlen, aber man vermutet, dass viele beninische Bauern nach Nigeria und Ghana auswanderten, wieder andere kämen aus Niger und dem Tschad oder aus anderen Krisenregionen nach Benin. Weil die Trockenheit in der Sahelzone nördlich von Benin noch extremer ausfällt, zögen auch die Viehhirten immer weiter ins Landesinnere von Benin. Auf der Suche nach Futter zerstörten ihre Herden jedes Jahr die Felder der Bauern. "Es gibt regelmäßig Tote, die sozialen Konflikte zwischen Bauern und Tierhaltern nehmen zu", meint Ouinakonhan.

Viele junge Bauern in der Gemeinde Gogounou, zu der das Dorf Wara gehört, verlassen ihre Elternhäuser Richtung Stadt. Bauer Orou Yerima hat noch nie darüber nachgedacht, seinen Grund und Boden aufzugeben. "Ich war nie in der Schule und habe keinerlei Abschluss, wie soll ich jemals woanders Fuß fassen?", fragt er erstaunt. Er setzt deshalb all seine Hoffnungen auf die neuen Ideen von Leuten wie dem Agraringenieur Amadji Firmin, die seinen Boden wieder fruchtbar machen sollen.

Seit einem Jahr werden die Bauern in Programmen von beninischen Nichtregierungsorganisationen und des Bundesentwicklungsministeriums beraten. Sie sollen lernen, was sie tun können, damit die Böden wieder mehr abwerfen. "Fluchtursachen bekämpfen", nennt man das im Politiksprech. Ehe die Menschen sich auf den Weg in andere Länder oder gar nach Europa aufmachen, soll ihnen zu Hause geholfen werden. Kritiker bezweifeln, dass sich die Bauern an die Ratschläge von außen wirklich halten, wenn die Programme der NGOs erst einmal ausgelaufen sind. Zu oft schon seien gut gemeinte Initiativen in Ländern wie Benin versandet, sobald kein Geld mehr kam.

SZ Karte

Der Bauer Orou Yerima jedoch hat sich an die Empfehlungen gehalten und gleich im ersten Jahr mehr Ernte eingefahren. Auf seinem Feld liegen jetzt vertrocknete Maisstrünke herum. Während die Nachbarn ihre Erntereste verbrennen, belässt er sie als Bodenschutz und Dünger. Statt auf Chemie hat er im vergangenen Jahr auf natürlichen Dünger gesetzt. Seine bessere Ernte hat er der Mucuna, einer Hülsenfrucht, zu verdanken, meint Yerima. Die Kletterpflanze wird zwischen den Nutzpflanzen angepflanzt und versorgt den Boden mit Stickstoff - einem wichtigen Grundbaustein für das Pflanzenwachstum. Außerdem gewinnt der Boden durch das Wurzelwerk wieder an Halt, speichert das Wasser länger und hält Unkräuter fern. Auf dem Feldstück gegenüber liegt noch eine alte Flasche eines Herbizids, doch das sei längst nicht so wirksam wie die Hülsenfrucht, ist Yerima überzeugt. Zudem bekommt er Mucuna umsonst, für das Herbizid muss er bezahlen.

Die Botschaft des Programms ist einfach: Anpassung muss weder teuer sein, noch braucht sie Chemie. Neben natürlichen Düngepflanzen wie Mucuna empfehlen die Ausbilder den Bauern, auf den Feldern Bäume zu pflanzen, deren Blätter dem Boden ebenfalls Nährstoffe und auch Schatten spenden. Sie ermutigen sie zudem, auf hitzebeständigere Sorten umzusteigen und statt Yams- und Maispflanzen neue Arten auszuprobieren, wie die Sorghum-Hirse, die hohe Temperaturen und Trockenheit besser verträgt.

"Heute gibt es eine Generation von Bauern, die von der Realität abgeschnitten sind, wir müssen sie auf die neuen Bedingungen vorbereiten", meint Agraringenieur Amadji Firmin. "Sie wissen zwar, wann sie den Mais säen müssen, aber nicht, wie sie mit der neuen Bodenknappheit und dem Klimawandel umgehen sollen." Lange sei er resigniert und verzweifelt gewesen angesichts der überbordenden Probleme seines Landes, sagt Firmin. Nun habe er wieder Hoffnung geschöpft und glaube, dass sich die Bauern wirklich anpassen können - wenn sie nur wollen.

Der alte Bauer Yerima jedenfalls glaubt an das Programm, seine gute Ernte macht ihm Hoffnung. Und ein paar zarte grüne Blätter an den Ästen eines verdorrten Baumes.