Folgen des Erdbebens Verrücktes Südamerika

Das Erdbeben in Chile hat die Stadt Concepción um mehr als drei Meter nach Westen versetzt. Selbst entfernte Orte wie Buenos Aires wurden verschoben.

Von Patrick Illinger

Das heftige Erdbeben der Stärke 8,8 am 27. Februar in Chile hat den Südamerikanischen Kontinent beträchtlich verformt. So wurde die Stadt Concepción um mehr als drei Meter nach Westen versetzt. Chiles Hauptstadt Santiago liegt nun 30 Zentimeter weiter links auf der Weltkarte. Messbar verrückt wurden sogar weit vom Epizentrum entfernte Orte wie Buenos Aires, die Falkland-Inseln und Städte in Brasilien wie Fortaleza. Das geht aus ersten Messdaten hervor, die Geologen veröffentlicht haben.

Demnach liegt Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires nun fast vier Zentimeter weiter westlich als noch vor gut zwei Wochen. Mit einem Netzwerk präziser GPS-Empfänger, die ähnlich funktionieren wie ein Navigationsgerät im Auto, nur viel exakter, können Geologen heutzutage geographische Orte auf Millimeter genau vermessen. Doch obwohl es mehr als zwei Dutzend dieser Messstationen an der hochaktiven Erdplatten-Grenze zwischen dem Pazifik und Südamerika gibt, konnten Geologen das jüngste Erdbeben von Chile nicht vorhersagen.

Immerhin sagen Forscher wie Ben Brooks von der Universität Hawaii, das jüngste Beben von Chile habe eine Fülle wissenschaftlicher Daten geliefert, mehr als die Beben zuvor. Eine animierte Graphik, die das Geoforschungszentrum Potsdam veröffentlicht hat, zeigt den ungewöhnlichen geographischen Verlauf der heftigen Erdstöße vom 27. Februar.

Demnach zitterte die Erde zunächst etwa 45 Sekunden lang am Epizentrum nördlich der Stadt Concepción. Danach wanderte der Schwerpunkt der Erdstöße plötzlich mehr als eine Minute lang über weite Strecken. Zunächst ging es nach Süden, über Concepción hinweg, dann nach Norden bis vor die Hauptstadt Santiago, von wo aus das Zentrum der Erdstöße wieder seinen Ausgangspunkt erreichte. Auf dieser fast 1000 Kilometer langen Schleife beobachteten Seismologen auch in den Tagen nach dem Hauptbeben mehrere Dutzend Nachbeben. Viele von diesen waren heftiger als das Beben von dieser Woche in Anatolien. Forscher des GFZ schließen daraus, dass die Erdkruste am 27. Februar auf komplizierte Weise gebrochen ist.

Auch 1960, bei dem mit einer Magnitude von 9,5 stärksten je gemessenen Erdbeben, südlich der diesmal betroffenen Region, wurde der Südamerikanische Kontinent merklich verformt. Damals erzeugten massive Landverschiebungen in den Anden unter anderem einen neuen See. Vulkanausbrüche in den Stunden nach dem Beben zeugen von der geologischen Kettenreaktion, die ein heftiges Beben nach sich ziehen kann. "Das Beben vom 27. Februar schließt direkt an den Bruchprozess von Valdivia an," sagt Jochen Zschau, Leiter der Sektion Erdbebenrisiko und Frühwarnung am GFZ. "Mit Ausnahme eines letzten Abschnitts, der sich im Norden Chiles befindet, ist innerhalb der letzten 150 Jahre die gesamte Erdkruste vor der Westküste Südamerikas durchgebrochen", vermutet er.

Zugrunde liegt ein plattentektonischer Vorgang, bei dem sich der Meeresgrund des Pazifik mit etwa 70 Millimetern pro Jahr nach Osten bewegt und sich unter den Südamerikanischen Kontinent schiebt. Die dadurch entstehenden Erdbeben gehören zu den weltweit stärksten. Geologen vermuten, dass im Laufe von etwa 100 Jahren dabei die Erdkruste von Patagonien bis nach Panama in einer Reihe von Starkbeben vollständig durchbricht. Schon Charles Darwin berichtete in seinem Tagebuch von einem starken Beben in Concepción am 20.Februar 1835 und dem Tsunami, der dabei entstand.