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Hitze und Überdüngung Riesiger Blaualgenteppich bedeckt Ostsee

Alle Jahre wieder bedeckt ein Blaualgenteppich die Ostsee. Allerdings ist er diesmal schon so groß wie die Bundesrepublik. Ursache sind das Wetter - und die Landwirtschaft.

Ein riesiger Blaualgenteppich bedeckt die Ostsee. Der Film ist nach Angaben von Umweltschützern des WWF bereits 377.000 Quadratkilometer groß - und damit etwas größer als Deutschland. Er hat der Organisation zufolge eine Länge von mehr als 1600 Kilometern und sei 190 Kilometer breit.

Algenblüte bei Gotland in Schweden. Nach Angaben des WWF ist der Bakterienfilm bereits 377.000 Quadratkilometer groß.

(Foto: Anders Modig/WWF)

Nach Angaben des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung in Rostock- Warnemünde (IOW) sind von den Cyanobakterien, die nicht zu den Algen, sondern zu den Bakterien gehören, derzeit vor allem die nördliche und zentrale Ostsee betroffen: Gebiete vor Finnland, Schweden, Russland und den baltischen Staaten bis nach Bornholm.

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Laut WWF blühen die Blaualgen allerdings auch in den deutschen Küstengewässern Achterwasser/Oderhaff (Stettiner Haff) im Mündungsbereich der Oder und der Peene sowie im Strelasund vor der Insel Rügen.

Die Angaben des WWF zur Größe des Teppichs konnte das Institut für Ostseeforschung bislang nicht bestätigen. "Die Satellitenbilder werden derzeit ausgewertet", sagte der Mikrobiologe Klaus Jürgens.

Blaualgen breiten sich seit Jahrzehnten jeden Sommer in der Ostsee aus. Grund sei die starke Belastung der Ostsee mit Phosphaten, vor allem durch die Landwirtschaft, erläuterte Jürgens. Bei der derzeit ruhigen See seien die Blaualgen besonders gut zu sehen. Auch vermehren sie sich bei den hohen Temperaturen explosionsartig. Ob es aber mehr Cyanobakterien als in den Vorjahren sind, ist bislang nicht erwiesen.

Auf jeden Fall aber sind die Organismen eine Belastung für die Ostsee. Wenn sie absterben, bildeten sich am Meeresgrund "regelrechte Todeszonen ohne Sauerstoff", warnte der Leiters des WWF-Ostseebüros in Stralsund, Jochen Lamp. Zudem werde giftiger Schwefelwasserstoff freigesetzt, der allen Organismen schade.

Beim nächsten Sturm könnten die Teppiche bereits schnell verschwinden, trotzdem seien die Algen dann immer noch da. Dass sich der Algenfilm vor allem in der Mitte der Ostsee bilde, hänge mit der dort stabilen thermischen Schichtung der Wassersäule zusammen, erklärte Jürgens vom IOW.

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Das Landesamt für Umwelt, Natur und Geologie in Mecklenburg-Vorpommern will an diesem Donnerstag ein Beobachtungsschiff vor die deutsche Küste schicken, um Wasserproben zu nehmen. Ergebnisse sollen am Freitag vorliegen.

Bei den Organismen handelt es sich vermutlich um für die Ostsee typische Arten der Gattungen Anabaena und Nodularia. "Diese Arten sind potentiell toxisch und können bei Kontakt Hautreizungen hervorrufen", sagte die Leiterin der Abteilung Umweltanalytik, Katrin Stein. Zudem könne es beim Verschlucken größerer Mengen zu Magen-Darm-Problemen kommen. "Wirklich gefährdet sind dabei vor allem Tiere, die belastetes Wasser trinken." Trotzdem empfehlen die Behörden, bei sichtbarem Blaualgenbefall nicht zu baden.

Nährstoffeintrag durch Überdüngung

Der WWF wirft den Ostseeanrainer-Staaten angesichts der Algenexplosion Halbherzigkeit im Umweltschutz vor. Zum einen beschlössen die Staaten ehrgeizige Ziele zum Stopp des Nährstoffeintrags, heizten die Überdüngung aber weiter an. So sei in Schweden die Düngemittelsteuer abgeschafft worden. In Mecklenburg-Vorpommern wurde das Landeswassergesetz geändert. Statt bis auf sieben Meter Abstand dürfe jetzt bis auf einen Meter an Gräben und Bäche heran gedüngt und gespritzt werden, sagte Lamp. Über diese Gewässer gelangten die Stoffe ins Meer, von denen sich die Cyanobakterien ernähren.

Eine Satellitenaufnahme vom 11. Juli zeigt den blau-grünen Algenteppich auf der Ostsee.

(Foto: ESA/ddp)

Zum Schutz der belasteten Ostsee fordert die Organisation strengere Maßstäbe für die Landwirtschaftseinträge, einen ostseeweiten Bann von Phosphaten in Waschmitteln und die konsequente Abwassereinigung von Kreuzfahrt- und Fährschiffen in der Ostsee. Die Abwässer müssten zudem während der Liegezeit in den Häfen entsorgt werden.

Für Badegäste in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern besteht nach Angaben der Behörden bislang kein Grund zur Besorgnis. "Auch die Badestrände im östlichen Teil vor Rügen, Usedom, Stralsund und Greifswald sind aktuellen Messungen zufolge frei von Blaualgen", sagte die Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern, Anja Neutzling.

Auf der Haffseite der Insel Usedom waren am Wochenende an vier Badestellen Warnschilder aufgestellt worden.

Alexander Bachor vom Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie des Landes Mecklenburg-Vorpommern in Güstrow forderte Ostsee-Urlauber auf, sich in den kommenden Tagen bei der Gemeindeverwaltung ihres Ferienortes nach der Qualität des Meerwassers zu erkundigen. "Die Gemeinden müssten Informationen der Gesundheitsämter über die Badewasserqualität haben." Ob und wann die Blaualgen an den Stränden angespült werden, sei derzeit schwer zu sagen. "Das hängt vor allem vom Wind ab", erklärte Bachor.

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