Auch das Flussbett haben die Ingenieuren so weit auf Schifffahrt getrimmt, dass manche Geologen den Mississippi heute eher als Kanal denn als Fluss bezeichnen. An vielen Stellen wurden die Schleifen des Flusses einfach durch Stichkanäle überbrückt, woraufhin sie binnen kurzer Zeit verlandeten. Auch europäische Flüsse wie der Rhein seien stark von Menschenhand geprägt, sagt Pinter, doch längst nicht mit der "technischen Hybris" der Mississippi-Ingenieure. Dies zeige sich am Ausmaß der Fluten: Jeder Versuch, den Mississippi weiter zu kontrollieren, führe dazu, dass er noch unkontrollierbarer wird.
Anzeige
Ein weiterer Faktor ist die industrielle Landwirtschaft. Je größer die Felder sind, desto mehr Wasser fließt durch ihre Furchen ab und sammelt sich in den Flüssen. Der ablaufende Regen schwemmt dabei jede Menge Dünger mit, der eigentlich Pflanzen nähren sollte. Don Scavia, Umweltplaner an der Universität von Michigan in Ann Arbor, hat ausgerechnet, dass Mitte Juni jeden Tag knapp 6000 Tonnen Stickstoff in den Golf von Mexiko gespült wurden, 35Prozent mehr als sonst üblich. Der Nährstoff werde das Algenwachstum im Meer stark stimulieren, sagt Scavia. Später im Jahr, wenn Bakterien die absterbenden Algen zersetzen, wird dieser Prozess dem Wasser so viel Sauerstoff entziehen, dass dort keine Fische, Krebse oder Muscheln mehr leben können. Scavia und viele seiner Kollegen sagen für den Spätsommer eine "tote Zone" von mindestens der Fläche Hessens im Golf von Mexiko voraus.
Seit einigen Wochen fällt das Wasser wieder. Meterhohe braune Ränder an Bäumen, Deichen und Häusern erinnern daran, wie hoch hier das Wasser noch vor kurzem stand. In der Luft liegt der Geruch von faulendem Gras und Unterholz und das aggressive Gesumme von Mückenschwärmen, die sich in schwarzen Wolken auf alles stürzen, was Blut in sich haben könnte. Die vom Feld gewaschenen Pflanzenschutzmittel gefährden noch immer Menschen, die entlang des Flusses leben. Schilder warnen Angler davor, ihre Beute zu essen, weil das Fleisch der Fische von den vielen Pestiziden im Wasser vergiftet ist. Viele Stromverteilerkästen entlang den Straßen und auch manche Häuser sind noch immer mit Sandsackburgen notdürftig vor Wasser geschützt. Oder ist das schon die Vorbereitung auf die nächste Flut?
Vielleicht bringt der Klimawandel Entspannung am Mississippi. Craig Colten skizziert zwei mögliche Szenarien: "Wenn das Klima wärmer und trockener wird, dann können wir mit der bestehenden Wasserkontrolle noch lange leben." Doch einige Klimamodelle prognostizieren eine Verschiebung der Niederschlagsmuster hin zu nassem Wetter im Osten des Mississippibeckens, "das würde das Gegenteil bewirken". Und Colten sieht eine weitere Bedrohung für die Deiche: fehlendes Geld. "Budgetkürzungen könnten das Schutzsystem schneller zerstören als die Folgen des Klimawandels."
Doch brechende Deiche ließen sich verhindern, sagt Nicholas Pinter - wenn es Geld für Umbauten gäbe, um dem Fluss an manchen Stellen wieder mehr Raum zu verschaffen. Und wenn die Bauern beginnen würden, ihre Felder so zu pflügen, dass sie mehr Wasser halten können. Das würde auch die tote Zone im Golf von Mexiko verkleinern. Außerdem fordert er weniger Optimierungen am Flussbett, wenige, aber weiter vom Wasserlauf entfernte Deiche und insgesamt ein "stärker von der Wissenschaft getriebenes Management des Flusses und seiner Auenlandschaften", so wie man es in Europa mache. Doch diese Einsicht setzt sich nur langsam in den Köpfen der Entscheider durch. Stattdessen entstehen immer neue Bebauungspläne in den natürlichen Überschwemmungsbereichen. Die dort entstehenden Häuser müssten dann bei der nächsten großen Flut verteidigt oder aufgegeben werden.
Ein Leben in Koexistenz mit einem ungezähmten Fluss scheint vielen Menschen hier noch undenkbar zu sein. In einem alten Werbefilm des Ingenieurkorps hört man den Sprecher sagen: "Die Nation hat einen mächtigen Feind. Wir bekämpfen Mutter Natur. Die Gesundheit unserer Wirtschaft hängt von unserem Sieg ab."
Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3
- Thema
- Hochwasser RSS
- USA Missouri-Hochwasser bedroht Kernkraftwerke 28.06.2011
- Wetterforscher Wolfgang Fricke "Extremes Wetter wird zunehmen" 12.07.2011
- Hochwasser in USA Memphis rüstet sich für Jahrhundertflut 10.05.2011
- Nach Überschwemmungen am Missouri US-Atomkraftwerke stehen unter Wasser 22.06.2011
- Dachau Ein Platz im Ort und im Herzen 07.06.2011
- Geretsried "Kämpfen oder absaufen" 13.05.2011
- USA: Hochwasser Flutwelle vor Mississippi-Delta 10.05.2011
(SZ vom 16.07.2011/mcs)
Putin und Hollande streiten um Intervention in Syrien