Flüchtlinge in Deutschland So lassen sich Vorurteile abbauen

Vorurteile sind erlernt, nicht angeboren, deswegen kann man sie wieder verlernen. Kommen Flüchtlingskinder in reguläre Schulen, funktioniert das besonders gut.

(Foto: dpa)
  • Die "Kontakthypothese" besagt, dass die Nähe zu Fremden Vorurteile abbaut.
  • Sozialpsychologen halten die These für hilfreich, um Flüchtlinge in die Gesellschaft zu integrieren.
Von Jan Hellmut Schwenkenbecher

Als Gordon Allport seine wichtigste Hypothese veröffentlichte, tobten in den USA Rassenunruhen. Jahrzehntelang waren Weiße und Schwarze im Unterricht und am Arbeitsplatz strikt voneinander getrennt gewesen, doch 1954 entschied der Oberste Gerichtshof mit einem Mal, dass weiße und schwarze Schüler künftig gemeinsam lernen sollten. In den Südstaaten kam es zu wütenden Protesten, die Nationalgarde musste einschreiten, um die Schulen zu öffnen. Der Psychologe Allport hingegen war überzeugt: Sobald Schüler und Eltern einige Jahre lang direkt miteinander zu tun haben, verschwinden die größten Vorurteile von selbst. So kam es auch weitgehend - was als Beleg für Allports "Kontakthypothese" gesehen wird, die er 1954 in einem Buch publizierte.

Forscher sind überzeugt, dass diese mehr als 50 Jahre alte Überlegung helfen könnte, die aktuelle Flüchtlingssituation zu meistern. "Die Unsicherheit im Umgang mit Flüchtlingen ist vor allem bei den Menschen groß, die keine Erfahrung mit Einwanderung haben", heißt es in einem Brief, mit dem 119 namhafte deutsche Wissenschaftler vor wenigen Tagen bei der Bundesregierung Alarm schlugen. Menschen fürchteten besonders das Unbekannte, "oder eben: die Unbekannten", erklären die Forscher.

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Ihre Warnung hat einen Grund: Vorurteile sind gerade dort verbreitet, wo wenige Ausländer wohnen, belegt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap. In den neuen Bundesländern, wo der Ausländeranteil geringer ist als in den alten, geben 43 Prozent der Menschen an, die hohe Anzahl der nach Deutschland strebenden Flüchtlinge mache ihnen Angst - im Westen sind es 36 Prozent. In Sachsen-Anhalt, wo der Ausländeranteil bei 2,8 Prozent liegt, der zweitniedrigste Wert nach Thüringen, stimmten 42,2 Prozent der Befragten ausländerfeindlichen Aussagen zu, als sie von Forschern der Uni Leipzig danach gefragt wurden. In Bundesländern mit einer hohen Ausländerquote wie Nordrhein-Westfalen ist das Verhältnis umgekehrt - relativ wenige Menschen teilen xenophobe Ansichten.

Es gibt Umstände, die Kontakt besonders effektiv machen

"Die Kontakthypothese ist nach wie vor sehr aktuell", sagt Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Marburg und Initiator des Briefs an die Bundesregierung. Allport war seinerzeit der Ansicht, Kontakt alleine reiche nicht aus, Vorurteile bauten sich nur unter konkreten Bedingungen ab. So müssten Personen die Fremden richtig kennenlernen, die flüchtige Begegnung auf der Straße genüge nicht. Zweitens sollten beide auf Augenhöhe kommunizieren. Der Polizist, der Lebensmittel an Flüchtlinge verteilt, baut demnach keine Vorurteile ab. Drittens müssten die Personen möglichst auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Und viertens sollten Gesetze den Kontakt zur fremden Gruppe fördern. Heute weiß man, dass diese vier Bedingungen den Kontakt zwar besonders effektiv herstellen, Vorurteile sich aber auch unter weniger optimalen Bedingungen abbauen.

Mittlerweile haben Forscher darauf basierende Kontakt-Interventionen entwickelt, etwa an Schulen. Kinder verschiedener Nationalitäten bekommen veschiedene Teilaufgaben. Ein Kind erhält etwa Infos zur Kindheit Napoleons, das nächste zur Jugend, ein anderes über die Zeit im Exil. Dann erarbeitet die Gruppe eine gemeinsame Biografie. "Die Aufgabe ist nur zu lösen, wenn alle mitmachen und sich austauschen", sagt Wagner. Dass solche Projekte funktionieren, zeigte der Sozialpsychologe mit einem Kollegen anhand einer Auswertung von 73 Kontakt-Interventionen. Die Programme bauten langfristig Vorurteile ab, auch zwölf Monate später wirkten die Interventionen noch.

Noch spannender war die dritte Erkenntnis: Es gibt Interventionen, die ohne Kontakt auskommen. Wagner spricht dabei von indirektem Kontakt, "wenn ich erfahre, dass jemand aus meiner Gruppe im Kontakt mit Mitgliedern der Minderheit steht". Das genüge schon, um Vorurteile abzubauen. Selbst die Vorstellungskraft kann ausreichen. So untersuchten britische Forscher, ob sich homophobe Einstellungen zyprischer Männer durch Nachdenken verringern ließen. Die Hälfte von ihnen sollte sich fünf Minuten lang vorstellen, auf der Straße einen fremden schwulen Mann zu treffen, mit dem sie sich entspannt unterhielten. Die andere Hälfte sollte sich eine beliebige Szene im Freien vorstellen. Die homophobe Einstellung nach dem Gedankenexperiment unterschied sich zwischen den beiden Gruppen auf einer neunstufigen Skala um fast einen Punkt. Anschließend wiederholten die Forscher ihre Experimente mit 100 Studenten in Jamaika, wo Homophobie weit verbreitet ist. Auch dort baute vorgestellter Kontakt Vorurteile ab.

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Das soll auch über längere Zeit funktionieren, wie eine Metaanalyse von britischen Forschern zeigt. Dort werteten die Wissenschaftler mehr als 70 Studien zu mentalen Interventionen aus. Wie sie zeigten, beeinflussen solche Methoden langfristig die Einstellungen, die Emotionen, die Absichten und das Verhalten gegenüber Fremden.

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Dass Flüchtlinge in Auffanglagern und Unterkünften oft lange Zeit unter sich bleiben, sehen Forscher im Hinblick auf die Kontakthypothese kritisch. "Keine Ghettos bauen, keine separaten Stadtteile entstehen lassen", fordert Wagner, "sondern die Menschen in Situationen bringen, in denen sie Kontakt erleben können." Flüchtlinge müssten gleichmäßig im ganzen Land verteilt werden. Das gelte für Großstädte wie München, Berlin und Hamburg, aber auch für dörfliche Landkreise und abgeschiedene Regionen.