Flucht aus der Milchstraße Der schnellste Stern der Galaxis

Geschwindigkeitsrekord in der Milchstraße: Ein einzelner Stern ist so rasant unterwegs, dass er der Galaxie entkommen könnte. Sein Tempo verdankt er dem Tod eines früheren Partners.

Von Christopher Schrader

Der schnellste Stern der Milchstraße ist von der Explosion eines früheren Partners auf irrwitziges Tempo beschleunigt worden. Der US708 genannte Himmelskörper rast mit 1157 Kilometern pro Sekunde aus der Galaxis hinaus, hat eine internationale Gruppe von Himmelsforschern errechnet.

Das ist mehr als genug, der Schwerkraft der Milchstraße zu entkommen, schreibt das Team um Stephan Geier von der Europäischen Südsternwarte in Garching bei München (Science, Bd. 347, S. 1126, 2015). US708 liefert im Wortsinn astronomische Zahlen: Zum Beispiel dreht er sich so schnell, dass seine Oberfläche mit mindestens 115 Kilometern pro Sekunde rotiert.

Sein Tempo verdankt US708 einem ungewöhnlichen Mechanismus. Bisher nahmen Astrophysiker an, schnell fliegende Sterne seien vom Schwarzen Loch im Zentrum ihrer Galaxis beschleunigt worden. Doch US708 stammt aus den Randbezirken der Milchstraße. Dort steckte er laut dem Szenario, das Geier und seine Kollegen entwerfen, in einem Doppelsternsystem mit einem Weißen Zwerg. Die Partner umkreisten einander alle zehn Minuten in einem Abstand von weniger als 140 000 Kilometern.

Der Weiße Zwerg hat US708 dabei erst seine Hülle entzogen und dann auch Helium aus dem Kern. Bis zu 630 Milliarden Tonnen Material verlor der kleinere Partner pro Sekunde. Durch Gezeitenkräfte fing er an, immer schneller zu rotieren. Sein Helium verteilte sich gleichmäßig auf dem Weißen Zwerg. Das war gefährlich, denn bei einer kritischen Dichte kann das Gas explodieren. Als das passierte, entzündete sich auch die Wasserstoff-Kohlenstoff-Hülle des Weißen Zwergs. Er zerbarst in einer Supernova. US708 wurde von der Druckwelle ins All geschossen.