Feuerökologie Sind die Waldbrände eine Katastrophe?

Dr. Tobias Zorn, Feuerökologe, Global Fire Monitoring Center, Freiburg, über die Auswirkungen der Großfeuer auf die Natur.

Von Das Interview führte Tim Förderer

(SZ vom 16.8.2000)

Ein Feuerwehrmann beobachtet am 17. Juni 2002 die Flammen des Hayman-Feuers im Pike National Forest nahe Deckers, Colorado

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SZ: In den USA und Südeuropa vernichten Feuersbrünste zurzeit tausende Hektar Baumbestand. Auch der Deutschen liebstes Urlaubsziel Mallorca ist betroffen. Sind die Brände eine globale Umweltkatastrophe?

Zorn: Nein, meiner Ansicht nach nicht. Die Brände in den USA sindflächenmäßig sicherlich ein Extremereignis. Aber nur wenn die Wetterlage so bleibt wie bisher, wird mehr Wald verbrennen als in den Vorjahren. Dies ist allerdings keine Umweltkatastrophe mit globalen Auswirkungen.

SZ: Wird es Klimafolgen geben?

Zorn: Von den momentanen Bränden sind Auswirkungen auf das Weltklima derzeit nicht abzusehen. Aber in den Gegenden, in denen größere Flächen abgebrannt sind, wird sich das Klima lokal verändern - schon allein, weil die positiven Wirkungen des Waldes wegfallen, wie zum Beispiel der kühlende Effekt.

SZ: Und wie sieht es mit der Rauchentwicklung aus?

Zorn: Kurzzeitig entwickelt sich viel Rauch, der Gesundheit und Verkehrssicherheit beeinträchtigt. Zudem werden bei ausgedehnten Bränden große Mengen Kohlenstoff freigesetzt, die die Atmosphäre belasten. Aber die Vegetation wächst wieder nach und bindet dabei die gleiche Menge Kohlenstoff wie sie im alten Wald gebunden war. Es ist also ein geschlossener Kreislauf.

SZ: Die großen Wälder tragen wesentlich zur globalen Sauerstoffproduktion bei. Ist sie gefährdet?

Zorn: Nein. Die globalen Sauerstoffvorräte werden durch die Waldbrände nur unerheblich beeinflusst, selbst wenn die Brände wie prognostiziert noch eine Weile anhalten.

SZ: Was sind die Ursachen für die extreme Feuersaison?

Zorn: Primäre Ursache ist das lokale Klima: wenig Regen, hohe Temperaturen, geringe Feuchtigkeit in Luft und Boden. Dementsprechend ist das Brennmaterial stark ausgetrocknet. Wenn dann noch Trockengewitter einsetzen - also Gewitter ohne Regen - , können Blitze die Vegetation zum Brennen bringen. Zudem ist das verheerende Ausmaß der Brände im Westen der USA auf überzogenen Waldbrandschutz zurückzuführen. In der Vergangenheit wurden dort zu viele Feuer gelöscht. Dadurch sammelte sich viel Brennmaterial an, das sonst in kleinen Feuern verbrannt wäre. Das Ganze hat sich sozusagen aufgestaut.

SZ: Käme die Natur mit diesen Bränden auch alleine klar oder muss der Mensch eingreifen?

Zorn: Es kommt darauf an, um was für eine Art von Feuer es sich handelt. In Savannen und Grasländern beispielsweise, wo die brennbare pflanzliche Biomasse von Gräsern und Sträuchern durchmischt ist, brennt die Vegetation schnell weg. Sie erholt sich aber auch schnell wieder. Bei Kronenfeuern, der heißesten Variante der Vegetationsbrände, ist der Baumbestand natürlich auf lange Sicht zerstört. Aber auch dort regeneriert er sich wieder: In den nächsten Jahren werden sich eine Kraut- und eine Strauchschicht einfinden, und mit der Zeit wachsen die ersten Bäume, die so genannten Pionierbaumarten wie Birken, Pappeln oder Kiefern. In den nächsten Jahrzehnten wachsen dann auch die übrigen Bäume nach, so dass nach 100 bis 200 Jahren wieder ein kompletter Wald dasteht.

SZ: Also kämen die meisten Wälder alleine mit den Feuern klar?

Zorn: Wenn man in einem Waldgebiet eine bestimmte Zusammensetzung von Tier- und Pflanzenarten erhalten will, dann ist so ein Inferno sicherlich erst einmal eine Katastrophe. Aber mit den Jahren wird sich ganz von selbst wieder eine natürliche Mischung einstellen. So gesehen brauchen die Wälder den Menschen also nicht. Schlimme Folgen haben die Brände eher für die Leute, die in den betroffenen Wäldern leben, oder für die Kulturdenkmäler, die zerstört werden. Aber die ganze Waldbrandsaison gehört zu einem natürlichen Kreislauf.

SZ: Ist das Feuer für den Regenerationsprozess vielleicht sogar nötig?

Zorn: Für manche Waldformationen ist das tatsächlich so. Es gibt zum Beispiel Kiefernarten, die sich nur mit Hilfe des Feuers regenerieren können: Durch starkes Kronenfeuer schmilzt das Harz in ihren Zapfen, die sich öffnen und die Samen entlassen. Diese fallen zu Boden und finden im Aschebett optimale Bedingungen vor.

SZ: Und wie verhält es sich mit der Tierwelt?

Zorn: Selbst bei diesen riesigen Feuern brennt ja nicht die ganze Fläche. Natürliche Waldbrände bilden ein Mosaik von gebrannten und nicht gebrannten Flächen. Feuerfronten lassen auch Inseln stehen, beispielsweise Bäume in der Nähe von Felspartien oder Wasserläufen. Dort können Tiere Zuflucht finden. Es kommt dabei aber sehr stark auf die Mobilität der einzelnen Arten an. Eine Schmetterlingspuppe, die an einem Grashalm hängt, wird sicher verbrennen.

SZ: Wird also aus ökologischer Sicht viel Lärm um wenig gemacht?

Zorn: Langfristig gesehen ja. Es gibt Landschaftsbilder, die im Feuer geboren wurden, im Feuer sterben und zugleich auch im Feuer wiedergeboren werden.