Fernsteuerung für Kakerlaken Die Cyborg-Schabe

Ist es ein harmloser oder sogar lehrreicher Spaß, mit Hilfe des Smartphones für kurze Zeit einer Kakerlake die Richtung aufzuzwingen? Tierschützer jedenfalls sind erzürnt über eine Fernsteuerung für die Insekten.

Von Christoph Behrens

Etwas Schleifpapier, Heißkleber, drei Elektroden und ein Chip - fertig ist die Robokakerlake. Die amerikanische Firma Backyard Brains hat einen elektronischen Minirucksack entwickelt, um Küchenschaben mit dem iPhone fernzusteuern.

Das "Roboroach" genannte Implantat wird auf den Rücken der Schaben geklebt und die Elektroden in die Fühler gesteckt. Wischt man nun auf dem Smartphone mit dem Finger nach links, bekommt die Schabe einen winzigen Stromstoß in die Fühler. Das gaukelt ihrem Nervensystem vor, an ein Hindernis zu stoßen, was eine Ausweichbewegung provoziert.

Schulen und Universitäten sollen den Roboroach einsetzen, hoffen die Entwickler. So könnten Schüler mit der App Neurophysiologie verstehen, selbst Experimente entwerfen und "Entdeckungen machen". Seit einigen Tagen verkauft Backyard Brains den "ersten kommerziell erhältlichen Cyborg" im Internet für umgerechnet rund 100 Euro (Schabe nicht inbegriffen). Das Insekt muss man selbst fangen oder im Zwölferpack dazubestellen.

"Wollten Sie jemals den Gang Ihrer Schule oder Abteilung mit Ihrer eigenen ferngesteuerten Kakerlake beschreiten?" fragen die Macher. Die Antwort bekommen sie prompt. "Ferngesteuerte Cyborg-Schaben zeigen nur, wie schlechte Bürgerwissenschaft und inhumaner Unterricht aussehen", kritisiert der Verhaltensforscher und Tierethiker Marc Bekoff in einem Kommentar auf der Internetplattform Psychology Today. Die Tierschutzorganisation Peta spricht gar von "Folter und Verstümmelung".

Brutale Operation

Vor allem die Operation, die aus gewöhnlichen Kakerlaken Cyborgs macht, finden Tierschützer brutal. Das Insekt ist zunächst in Eiswasser zu betäuben und der Rückenpanzer mit Schleifpapier zu bearbeiten, um die Steuereinheit aufzukleben. Die Fühler schneidet man entzwei, um die Elektroden hineinzustecken. Sobald die Kakerlake aus der Narkose erwacht, gehorcht sie wenige Minuten lang den Befehlen - dann hat sich ihr Nervensystem an die fremden Impulse gewöhnt und ignoriert sie.

"Insekten leiden sicher nicht wie Säugetiere, aber empfinden können sie den Schmerz bestimmt", sagt der Insektenforscher Andreas Vilcinskas von der Universität Gießen. Auch seine Arbeitsgruppe nutzt die feinen Sinnesorgane von Insekten, etwa um mit dressierten Bienen Sprengstoff aufzuspüren. Das diene einem wissenschaftlichen Zweck, sagt Vilcinskas. "Einen Kakerlakenroboter zu bauen, um Jugendliche für Naturwissenschaft zu begeistern, führt völlig am Ziel vorbei."

Backyard Brains kann die Aufregung nicht verstehen. Der Roboroach sei kein Spielzeug, sondern ein Werkzeug zum Studium des Nervensystems. "In E-Mails werden wir als Psychopathen beschimpft, die das Leiden von Tieren befürworten", wehrt sich Entwickler Tim Marzullo gegenüber Reportern.

"Wir bringen Kindern bei, dass diese Kreaturen ein Nervensystem so wie wir haben", erklärt der Gründer von Backyard Brains, Greg Gage. Bei der Verteidigung seiner Erfindung fährt er schwere Geschütze auf: Er bringe den Jugendlichen Mitgefühl gegenüber Insekten bei. Für neurologische Erkrankungen wie Parkinson gebe es bislang keine Heilung; man müsse daher die besten Köpfe möglichst früh für Neurowissenschaften interessieren. Doch sein Argument wird offenbar am Markt nicht angenommen: Von 300 verkauften Roboroaches ging nach Firmenangaben nur jedes zehnte Set an Schulen und Universitäten.

Vielleicht legt sich der Wirbel auch von selbst. Auf der TED-Konferenz führte Firmengründer Gage auf der Bühne vor, wie man die Beinchen einer Kakerlake mit gezielten Stromstößen zum Zucken bringt. Viele Kinder saßen im Publikum, also genau seine Zielgruppe.

Als die Jugendlichen zusahen, wie Gage der Kakerlake live ein Bein amputierte, stand ihnen keineswegs Begeisterung für Neurowissenschaften ins Gesicht geschrieben - sondern eher blankes Entsetzen.