Von Gunnar Herrmann

Dank des Klimawandels werden in der Arktis riesige Öl- und Gasvorkommen zugänglich. Fünf Staaten wollen sich nun einigen, wem diese Schätze gehören.

Dänemark hat für seine Nordpolkonferenz eine passende Kulisse gewählt. Die Vertreter der Arktis-Anrainerstaaten treffen sich in Ilulissat, bei einem Gletscher, der - in immer kürzeren Abständen - Eisberge donnernd ins Meer schickt.

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Eine Satellitenaufnahme des Nordpols vom September 1979. (© Foto: Nasa/dpa)

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Grönlands schmelzendes Eis ist Symbol für den Klimawandel und soll die Politiker daran erinnern, dass die Zeit drängt. Wenn die Geologen Recht haben, macht das Tauwetter in der Arktis riesige Öl- und Gasvorkommen zugänglich. Am Dienstag und Mittwoch sprechen die Gesandten aus Dänemark, Norwegen, Kanada, Russland und den USA darüber, wem diese Schätze gehören.

"Es ist wichtig, dass wir es nicht zu einem wilden Wettrennen um den Pol kommen lassen", sagt Dänemarks Außenminister Per Stig Möller. Er sei zuversichtlich, dass die fünf Nachbarn diesem Ziel jetzt näherkommen. Für seinen Optimismus hat Möller gute Gründe.

Zwar vermitteln die Arktis-Staaten den Eindruck, es gelte im Norden wie einst im Wilden Westen das Recht des Stärkeren. So zum Beispiel Russland, als es im Sommer 2007 seine Flagge am Nordpol auf den Meeresgrund setzte. Oder Dänemark und Kanada, als sie mit protzigen Militärmanövern Ansprüche auf das menschenleere Eiland Hans anmeldeten. Aber dies sind nur bedeutungslose Muskelspiele.

In Wahrheit sind die Anrainer längst dabei, am Verhandlungstisch die Nutzung des Polarmeeres zu regeln. Vier der fünf Länder haben bereits die UN-Seerechtskonvention ratifiziert und Beobachter erwarten, dass die USA dem Beispiel folgen werden.

Die Seerechtskonvention enthält ausgefeilte Regeln für die Grenzziehung im Meer. Sie legt fest, wann ein Staat seine Wirtschaftszone über die übliche 200-Meilen-Grenze ausdehnen darf. Eine wichtige Frage ist dabei, wie weit der Festlandsockel in den Ozean reicht. Ob die Ansprüche eines Staates berechtigt sind, entscheidet eine Kommission der Vereinten Nationen.

Das schließt aber nicht aus, dass sich die Gebietsforderungen mehrerer Staaten überlappen. So könnten aufgrund der geologischen Daten neben Russland auch Kanada und Dänemark im Namen Grönlands, das als autonomes Gebiet zu Dänemark gehört, den Nordpol beanspruchen.

Daneben gibt es mehrere umstrittene Gebiete in Küstennähe. Ein Schiedsverfahren kennt die Seerechtskonvention nicht. Die Regierungen müssen diese Konflikte untereinander lösen.

Darum geht es nun in Ilulissat. Endgültige Entscheidungen seien nicht zu erwarten, sagte Außenminister Möller. Die Länder wollen sich aber auf das weitere Vorgehen im Territorialstreit verständigen. Dass die Arktis-Anrainer ihre Konflikte zügig beenden, ist sehr wahrscheinlich, denn sie haben ein gemeinsames Ziel: Alle fünf wollen so bald wie möglich Rohstoffe fördern.

Klare Grenzen sind eine Voraussetzung dafür, der Anreiz für eine Einigung ist somit stark. Und er wird ständig stärker. Denn die wichtigste Kraft hinter der Eroberung der Arktis ist der steigende Ölpreis. Selbst wenn die Polarregion ein paar Grad wärmer wird, wäre die Rohstoffgewinnung dort immer noch sehr aufwendig.

Die Erschließung des unwirtlichen Eismeers lohnt sich also nur, weil sie an der Zapfsäule teuer bezahlt wird. Wenn also die Minister ab Dienstag vor schmelzenden Gletschern über künftige Öleinnahmen verhandeln, dann zeigt das nicht nur die dramatischen Folgen des Klimawandels am Nordpol. Es zeigt vor allem, dass der Klimawandel das Denken in den Industrieländern bislang kaum verändert hat.

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(SZ vom 27.05.2008)