Farbpsychologie Farben fürs Gehirn

Der Gießener Psychologe Karl Gegenfurtner zeigte seinen Studenten für nur 16 Millisekunden Landschaftsaufnahmen, entweder in schwarz-weiß oder bunt. Danach sollten die Probanden unter einander ähnlichen Bildern dasjenige heraussuchen, das sie kurz zuvor gesehen hatten.

Sie lösten die Aufgabe deutlich besser, wenn das gesuchte Bild farbig war. Allerdings musste die Farbe den Erfahrungen der Versuchspersonen entsprechen. Blaue Bäume oder gelbe Felsen blieben genauso schlecht im Gedächtnis wie die entsprechenden Schwarz-Weiß-Bilder - so sehr achtet das Gedächtnis auf Farben, dass es sich von einer Fehlinformation erheblich irritieren lässt.

Geschickt eingesetzt, können Farben die Leistungen des Gehirns aber deutlich verbessern. Man müsse nur die richtige Tönung passend zur jeweiligen Aufgabe aussuchen, behauptet Juliet Zhu von der Universität in British Columbia. Sie setzte Probanden vor blaue Computerbildschirme und andere Versuchsteilnehmer vor rote.

Alle Testpersonen sollten Aufgaben lösen, die entweder viel Kreativität oder eine hohe Aufmerksamkeit für Details erforderten. Dabei schnitten in jedem von insgesamt sechs Experimenten bei den Kreativaufgaben die Versuchspersonen an den blauen Bildschirmen besser ab, bei den Detailaufgaben die Probanden vor roten Bildschirmen.

Zhu leitet daraus eine Faustregel für die Praxis ab: Kreative Tätigkeiten, etwa einen Text schreiben oder ein Spielzeug entwickeln, sollte man in blauer Umgebung verrichten; Mathematikaufgaben oder die Steuererklärung - also Aufgaben, die Konzentration und hohe Aufmerksamkeit für Details fordern - ließen sich besser in einer roten Umgebung bearbeiten.

Das AOK-Logo - kein Zufall

"Weil wir Rot mit Warnungen und Fehlern verbinden, werden wir aufmerksam. Blau assoziieren viele Menschen mit der Weite des Himmels und des Meeres, das vermittelt Frieden und Ruhe", sagt die Psychologin. "Man traut sich dann eher, den Gedanken freien Lauf zu lassen."

Derartige Zusammenhänge haben Forscher inzwischen für die meisten Farben untersucht. Beispielsweise werde das Zusammentreffen von Rot und Schwarz oft als laut und chaotisch empfunden, sagt Farbforscher Axel Venn. Die Kombination von Grün und Weiß verbinden Menschen mit dem Begriff "gesund" - es dürfte also kein Zufall sein, dass eine Krankenkasse wie die AOK mit diesen Farben ihr Logo gestaltet.

"Die Botschaft einer Farbe ist wichtiger als die Farbe selbst", sagt Venn und nennt das Beispiel Purpur: Weil man weiß, dass diese Farbe früher nur schwer herzustellen war, verbinden Menschen sie noch heute mit Kostbarkeiten und denken dabei an schweren, samtigen Stoff.

"Grau" hingegen klingt nach etwas Hartem, Abstoßendem: "Weil wir dabei an 'steingrau' denken", erklärt Venn. "Man erstellt automatisch eine Beziehung zwischen Farbe und Material. In diesem Sinn ist jeder Mensch ein Synästhetiker."

Je intensiver Wissenschaftler die Reaktionen auf einzelne Farben untersuchen, umso deutlicher wird: Farben haben Macht. Sie lenken Gefühle, Entscheidungen - und das Geschmacksempfinden, wie die Marketingexpertin JoAndrea Hoegg von der Universität in British Columbia gezeigt hat.

Hoegg füllte mehrere Gläser mit Orangensaft. Einige Portionen färbte sie mit Lebensmittelfarbe etwas dunkler und fragte die Probanden, ob sie irgendwelche Geschmacksunterschiede feststellen könnten. Obwohl das Getränk in allen Gläsern aus derselben Packung stammte, waren die Versuchsteilnehmer sicher, dass der dunkle Saft anders schmeckte als der ungefärbte.

Umgekehrt wollen die Probanden bei gleichfarbigen Saftportionen keinen Unterschied bemerken, auch wenn in einem Fall frisch gepresster Packungssaft gereicht wurde und im anderen ein aus Konzentrat hergestelltes Gemisch. Mit einem so klaren Ergebnis hatte auch Hoegg nicht gerechnet: "Es ist erstaunlich, aber eindeutig: Farbe dominiert einfach alles."