Falsch zitiert Der Bluff mit dem Fußnoten-Phantom

Einige Akademiker schreiben ab, ohne die Quelle anzugeben. Das nennt man Plagiat. Dafür verweisen manche Wissenschaftler auf ein Buch, das es gar nicht gibt. Warum nur?

Von Christoph Grube

Fußnoten dienen in einem wissenschaftlichen Text zum Beleg und zum Verweis auf fremde Erkenntnisse und Gedanken. Umgekehrt bedeutet das, dass alle nicht ausgewiesenen Passagen eigene geistige Errungenschaften des Verfassers sind. Plagiate bestehen darin, fremde Gedanken als eigene auszuweisen, indem man den Urheber unterschlägt.

Das ist unredlich und strafbar. Was aber im umgekehrten Fall? Wenn ein Gedanke als fremder ausgewiesen wird, obwohl es der eigene ist? Gibt es nicht? Gibt es sehr wohl! Man muss sich nur einmal die Arbeit machen und Zitate einer wissenschaftlichen Arbeit in ihrem ursprünglichen Kontext überprüfen. Schnell wird man feststellen, dass vieles, was behauptet wird, dort gar nicht zu finden ist.

Es handelt sich um einen ähnlichen Bluff wie den des Plagiators. Nur ist dieser Bluff salonfähiger und schwerer zu ahnden. Und wer macht sich schon die Mühe, alle Verweisstellen zu überprüfen.

Ein immer wieder zitiertes Buch ist ein angeblich aus dem Jahr 1993 stammender Band mit dem Titel "Imagologie", in dem laut Untertitel "Gesammelte Aufsätze zur Erforschung ethnischer Stereotypenbildung" des belgischen Literaturwissenschaftlers Hugo Dyserinck publiziert sein sollen. Dyserinck ist ein anerkannter Experte auf seinem Gebiet. Doch dieses Buch ist nie erschienen.

Gibt man nur einmal den Titel in einer Internet-Suchmaschine ein, so stößt man auf mehrere Belege in Aufsätzen, Magisterarbeiten und Bibliographien. So führt dieses Buch etwa die Potsdamer Germanistik-Professorin Stefanie Stockhorst in ihrem im Jahr 2005 in der Zeitschrift Arcadia erschienenen Artikel "Was leistet ein cultural turn in der komparatistischen Imagologie?" als Beleg für ihre Ausführungen im Fließtext an.

Ebenso ihre Oldenburger Kollegin Sabine Doering in ihrem Aufsatz "Standhafte Krieger und sittenlose Verführer" im Raabe-Jahrbuch 2003.

Ihr polnischer Fachkollege Pawel Zimniak führt Dyserincks Buch als "Vorbereitende Literatur" für die Magisterprüfung auf, und der Slavist Thomas Skowronek empfahl es an der Berliner Humboldt-Universität 2002 in einem Projekttutorium.

Mancher Wissenschaftler scheint es für ein Standardwerk zu halten, zumal es auch in Bibliographien auftaucht, etwa bei Sabine Egger in ihrem Beitrag in der Internet-Publikation "Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht" aus dem Jahr 2002 und in dem von der Forschungsstelle Ostmitteleuropa der Uni Dortmund 2008 veröffentlichten zweiten Band der Bibliographie zu Stereotypen, Vorurteilen, Völkerbildern von Johannes Hoffmann.

Bemerkenswert ist, dass all diese Belege unkonkret bleiben. Jeder verweist selbstsicher auf dieses Buch, nennt aber keine Seitenzahlen. Einzig Johannes Hoffmann vermerkt, es habe 175 Seiten. Der Pauschalhinweis wiederum suggeriert, das Buch sei derart einschlägig, dass man es als Ganzes lesen und sich nicht mit einzelnen Aufsätzen begnügen sollte.

Das Problem ist nur, dass man es nicht lesen kann, da es nie gedruckt wurde. Laut Bouvier-Verlag war es zwar geplant, wurde aber nie verlegt. Wie kam man darauf, es so viele Jahre als veröffentlicht anzugeben? Fragt man Hugo Dyserinck selbst, erklärt er, eine damals bei Bouvier tätige Mitarbeiterin habe den Aufsatzband allzu voreilig angekündigt. Mehr nicht.

Aber das genügte anscheinend schon. Jeder konnte das Buch von nun an zitieren. Es war ja praktisch: Man konnte auf einen großen Namen verweisen und lief dabei nicht einmal Gefahr, widerlegt zu werden. Zudem zeugt ein solcher Hinweis auch noch von der eigenen wissenschaftlichen Kompetenz und umfassender Kenntnis auf dem Gebiet. In der Scheinwelt der Wissenschaft zählt das viel.