Fakten-Check Beschneidung Warum wird ausgerechnet jetzt über die Beschneidung diskutiert?

Die Debatte ist gar nicht so neu. Unter Juristen findet sie auch in Deutschland bereits seit längerer Zeit statt. Und die deutschen Juden diskutierten zum Beispiel im 19. Jahrhundert darüber, nachdem es zu Todesfällen nach Beschneidungen gekommen war. Das Sanitär-Amt der Freien Stadt Frankfurt hatte deshalb die Verordnung erlassen, dass der Eingriff nur noch von Experten und in Gegenwart eines Arztes vorgenommen werden durfte.

In Israel und den USA existieren seit Jahren Organisationen von Juden, die das Ritual abschaffen wollen. In Schweden und Finnland wurde die Beschneidung bereits vor Jahren gesetzlich geregelt.

Im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung existierte das Thema dagegen lange Zeit tatsächlich so gut wie nicht. Vielleicht deshalb, weil man als Nichtbetroffener davon nicht viel mitbekommt. Es braucht aber häufig einen konkreten Anstoß, um eine Diskussion auszulösen. Das bedeutet nicht, dass die Debatte deshalb unangemessen wäre. Wieso war Sex unter homosexuellen Männern in Deutschland so lange eine Straftat? Weshalb durften Kinder bis vor einigen Jahren noch gezüchtigt werden? Wieso wurde das Frauenwahlrecht in Deutschland erst Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt? Zuvor wurde jahrelang über diese Dinge diskutiert. Heute fragt man sich, wieso.

Mit dem gleichen Recht, mit dem man fragt, wieso ausgerechnet jetzt gestritten wird, könnte man die Frage auch umkehren: Wieso ist nicht schon viel früher ein Gericht in Deutschland über den Konflikt gestolpert. Denn es ist ein schwerer Konflikt, wenn auf der einen Seite das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes und das individuelle Recht auf Religionsfreiheit steht, und auf der anderen das Recht auf religiöse Erziehung und Religionsfreiheit der Eltern.