Fakten-Check Beschneidung Ist die Religionsfreiheit eingeschränkt, wenn religiöse Beschneidungen eine Straftat sind?

Juden und Muslime befürchten, dass ihre Religionsfreiheit eingeschränkt wird. In gewissem Sinne haben sie damit recht.

Aber man muss unterscheiden zwischen dem Recht religiöser Gemeinschaften, Rituale auszuüben, und dem Rechten des Individuums, sich für oder gegen eine Religion zu entscheiden. Tatsächlich wurde der Wert des Individuums, seine Rechte als Mensch unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sexuellen Vorlieben nach und nach immer höher gewichtet. Heute haben wir (dank der Aufklärung, nicht dank eines religiösen Glaubens) Religionsfreiheit. Wenn religiöse Rituale einer Gemeinde in Verdacht stehen, die Religionsfreiheit des Einzelnen zu beeinträchtigen, ist die Frage, welche Freiheit vorgeht. Und wer sich später gegen eine Religion entscheidet, hat nach der Beschneidung keine Möglichkeit mehr, diese religiöse Markierung, die ihm aufgezwungen wurde, zu entfernen.

Im sogenannten Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgericht von 1995 haben die Richter erklärt: "... zu unterscheiden ist aber eine vom Staat geschaffene Lage, in der der Einzelne ohne Ausweichmöglichkeiten dem Einfluss eines bestimmten Glaubens, den Handlungen, in denen dieser sich manifestiert, und den Symbolen, in denen er sich darstellt, ausgesetzt ist. Insofern entfaltet Art. 4 Abs. 1 GG seine freiheitssichernde Wirkung gerade in Lebensbereichen, die nicht der gesellschaftlichen Selbstorganisation überlassen, sondern vom Staat in Vorsorge genommen worden sind (vgl. BVerfGE 41, 29). Dem trägt auch Art. 140 GG in Verbindung mit Art. 136 Abs. 4 WRV dadurch Rechnung, dass er ausdrücklich verbietet, jemanden zur Teilnahme an religiösen Übungen zu zwingen."

Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass acht Tage alte Säuglinge sich dem Eingriff entziehen würden, wenn sie könnten. Fraglich ist auch, ob sich viele muslimische Jungen mit dem Gefühl beschneiden lassen, sie hätten eine Wahl gehabt. Der Druck der Glaubensgemeinschaft ist hoch. Mancher Kritiker sieht hier die Grenze zum Zwang bereits überschritten.