Evolution Woher kommt die Moral?

Lichterkette in München 2015

(Foto: Florian Peljak)

Ist Moral dem Menschen angeboren oder hat sie sich evolutionär entwickelt? Eine neue Hypothese weist der Religion eine Schlüsselrolle zu.

Von Christian Weber

Es war ein Mega-Projekt für einen Gott, dessen Name schon lange vergessen ist. Vor ungefähr 12 000 Jahren begannen steinzeitliche Wildbeuter in Südanatolien mit dem Bau der vermutlich ersten großen Tempelanlage der Welt. Auf dem Berg Göbekli Tepe errichteten sie allein mit Muskelkraft mehr als 200 bis zu sechs Meter hohe und 20 Tonnen schwere Stelen aus Stein. Hunderte, vielleicht Tausende Menschen müssen zusammengearbeitet haben, um in der Morgendämmerung der Zivilisation diese Anlage zu schaffen. Und genau das - diese Kooperation im großen Maßstab - ist etwas, was die Wissenschaft an Orten wie diesen zunehmend interessiert: Wie bloß kamen freie Jäger und Sammler auf die Idee, sich zu einem solchen Vorhaben zu vereinigen?

In diesem historischen Moment zeigte sich ein Rätsel, das Soziobiologen und Evolutionspsychologen seit Jahrzehnten umtreibt. Mit der Entwicklung großer, komplexer und anonymer Gesellschaften wächst die Gefahr, dass Trittbrettfahrer die Arbeitsfrüchte der anderen einfach abgreifen. Wie garantiert man Kooperation, wenn unmittelbare Überwachung durch die Gruppe nicht mehr möglich ist? Eine derzeit an Popularität gewinnende Theorie besagt, dass das genau der Grund sei, wieso die Menschen sich - so wie möglicherweise bereits in Göbekli Tepe - große, allwissende und strafende Götter ausgedacht haben: Sie sorgen für eine Einhaltung der Spielregeln. "Beobachtete Leute sind nette Leute", schreibt der führende Vertreter dieses Ansatzes, der Psychologe Ara Norenzayan von der University of British Columbia im Vancouver in seinem 2013 erschienenen Buch "Big Gods: How Religion Transformed Cooperation and Conflict".

Norenzayans sogenannte Übernatürliche-Überwachungs-Hypothese ("Supernatural Monitoring Hypothesis") ist der neueste Versuch der Wissenschaft, ein ambivalentes Verhältnis zu klären - das von Religion und Moral. In Umfragen, historischen Untersuchungen, ethnologischen Feldstudien, selbst in Laborversuchen wird dieser Frage derzeit nachgegangen.

Vom Schimpansengehege zur komplexen Gesellschaft

Klar geworden ist, dass das Problem komplexer ist, als die meisten Menschen vermuten. Weder Kreuzzüge im Namen Gottes, verbrannte Ketzer oder islamistische Selbstmordattentate haben die Menschen von der Überzeugung abgebracht, dass Religion irgendwie die Moral befördert. Nach einer Umfrage des Pew Research Instituts aus dem Jahre 2014 ist in 22 von 39 untersuchten Ländern die Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugt, dass nur ein Mensch, der an Gott glaubt, ein guter Mensch sein kann. In stark religiösen Ländern wie Ghana, El Salvador, Pakistan oder Indonesien sind es sogar weit über 90 Prozent; in den USA denken 53 Prozent so, in Deutschland immerhin noch 33 Prozent. Umgekehrt gelten Atheisten in vielen Ländern als schlechte Menschen.

Dabei gehört es vermutlich zu den wenigen konsensfähigen Einsichten der Forschung zum Thema, dass moralisches Verhalten wesentlich älter und stabiler ist als der organisierte Glauben. "Religion ist ja eine extrem junge Angelegenheit, die ältesten Spuren symbolischer Kommunikation sind 70 000 bis 80 000 Jahre alt, und die ersten Großreligionen entstanden erst vor 10 000 bis 12 000 Jahren", sagt Eckart Voland, emeritierter Biophilosoph an der Universität Gießen. "Die Menschen haben aber schon immer Moral gebraucht, um in Gruppen miteinander auszukommen."

Noch weiter gehen Forscher wie der Primatologe Frans de Waal, Direktor des Yerkes National Primate Research Center in Atlanta. Er vertritt seit vielen Jahren in populären Büchern (zuletzt: "Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote", Klett-Cotta, 2015) und in Fachaufsätzen die These, dass sich bereits bei höheren Tieren ein Sinn für Gerechtigkeit findet. Der Startschuss war ein Experiment, das de Waal zusammen mit seiner Kollegin Sara Brosnan bereits 2003 im Wissenschaftsmagazin Nature vorstellten: Jeweils zwei Kapuzineräffchen waren darauf trainiert worden, Spielsteine gegen Gurkenstückchen umzutauschen, was diese auch gern taten. Wenn allerdings einer der Affen statt der Gurken hochbegehrte, süße Weintrauben bekam, weigerte sich der andere, seinen eigenen Stein zu tauschen. Richtig sauer wurde er, wenn der bevorzugte Affe seine Trauben ganz ohne Bezahlung bekam. Dann pfefferte das benachteiligte Tier Gurke und Steine aus dem Käfig. De Waal und Brosnan interpretieren dieses Verhalten als Ausdruck eines verletzten Gerechtigkeitssinnes.

Affen im Garten der Lüste

Können selbst Tiere eine Moral entwickeln? Affen- und Bonoboforscher Frans de Waal liefert in seinem neuen Buch überzeugende Antworten auf diese Frage. Von Burkhard Müller mehr ...