Theorie oder Tatsache? Planlos oder zielgerichtet? Acht Antworten auf wichtige Fragen zur Evolution.
Was ist Evolution?
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Die Schnabelform der Vögel ist eine Anpassung an die Umwelt, die Darwin aufgefallen war. (© Quelle: The Complete Work of Charles Darwin Online)
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Sie ist der Mechanismus, der neue Arten entstehen lässt. Im Gegensatz zur Revolution verläuft die Evolution nicht sprunghaft, sondern allmählich. Sie geht zumeist in unzähligen, zunächst unscheinbaren Veränderungen vor. Diese Varianten verschaffen ihren Trägern Vor- oder Nachteile.
So können sie sich mehr oder weniger gut fortpflanzen als Artgenossen mit anderen oder keinen Änderungen. Weil alle Individuen um begrenzte Ressourcen konkurrieren, setzen sich von den Nachkommen jeder Generation eher diejenigen durch, die besser an die jeweiligen Umweltbedingungen angepasst sind.
Eine natürliche Auslese findet statt. Über viele Generationen hinweg können so neue Arten entstehen, die miteinander verwandt sind, sich aber nicht mehr fruchtbar paaren können, weil die genetischen Unterschiede zu groß geworden sind.
Der vielzitierte Ausdruck "survival of the fittest" besagt nicht, dass die Stärksten überleben, sondern dass diejenigen Vorteile haben, die am besten angepasst sind. Auch der Mensch ist in der Evolutionstheorie ein zufälliges Produkt von Mutationen und natürlicher Auslese. Daher war die Entdeckung der Evolution für das menschliche Selbstbewusstsein eine Revolution.
Ist Evolution Theorie oder Tatsache?
"Nach allem was man heute weiß, ist es eigentlich irreführend, die Evolution als Theorie zu bezeichnen", hatte der nach Charles Darwin wohl wichtigste Evolutionsforscher Ernst Mayr selbstbewusst formuliert, bevor er im Februar 2005 im Alter von 100 Jahren starb.
Streng wissenschaftsphilosophisch besehen, muss man allerdings von einer Theorie sprechen, da sich kein endgültiger Beweis führen lässt, etwa dafür, dass sich Menschen, Tiere und Pflanzen allesamt aus einem Einzeller entwickelt haben. Angesichts der Vielzahl von Belegen für die Richtigkeit der Theorie bezeichnet sie für die große Mehrheit der Wissenschaftler jedoch eine Tatsache.
Gibt es Belege, die gegen die Evolution sprechen?
Keine, die ernst zu nehmen wären. Kritiker bemängeln gern das Fehlen von Zwischenstufen zwischen zwei verwandten Arten. Das lässt sich jedoch leicht damit erklären, dass Zwischenwesen nicht zu unterscheiden sind, von der einen oder der anderen Art. Aber es gibt eine Menge offener Fragen, und die Mechanismen der Evolution sind noch nicht in allen Einzelheiten verstanden.
Existieren verschiedene Evolutionstheorien?
Die Evolutionstheorie selbst unterliegt einer Evolution. Darwin und Wallace waren nicht die Ersten, die sich über die Entstehung der Arten Gedanken gemacht haben. Bereits 1000 Jahre vor den beiden lebte in Bagdad der Gelehrte Uthman al Jahith, der auf ähnliche Weise beschrieb, wie neue Arten entstehen. Immanuel Kant sah im 18. Jahrhundert die Ähnlichkeiten verschiedener Organismen als Hinweis auf einen gemeinsamen Ursprung. Auch Goethe hatte ähnliche Gedanken.
Der schwedische Naturforscher Carl von Linné glaubte zwar fest an einen Schöpfer, doch hatten ihm seine Beobachtungen gezeigt, dass sich Arten verändern können. Und schließlich hatte auch Darwins Großvater Erasmus einen gemeinsamen Ursprung aller Organismen vermutet.
Erst sein Enkel und Wallace fanden jedoch den entscheidenden Mechanismus. Neben der darwinistischen werden heute noch weitere Evolutionstheorien diskutiert, die sich jedoch nicht im Grundprinzip unterscheiden, sondern in der Gewichtung verschiedener Einflussfaktoren.
Lässt sich vorhersagen, in welche Richtung sich die Evolution bewegt?
Evolution hat keine Richtung, die Organismen passen sich auch nicht gezielt der Umwelt an. Es überleben schlicht nur solche, die es in der jeweiligen Umgebung aushalten. Steigt zum Beispiel in einem Tümpel die Salzkonzentration, werden nur Bakterien überleben, die zufällig damit umgehen können.
Im Labor lässt sich die Entwicklung von Mikroorganismen immerhin grob steuern, indem man das Milieu, in dem sie wachsen, gezielt verändert. Es ist nicht einmal gesagt, dass Evolution einen Fortschritt bringt. Häufig entwickeln sich Eigenschaften sogar mehrfach bei verschiedenen Lebewesen. Das Auge wurde etwa 40 Mal von der Natur erfunden. Und die verschiedenen Vogelarten haben das Fliegen auf mindestens drei Wegen entwickelt.
Lassen sich die Mechanismen der Evolution gezielt nutzen?
Das geschieht bereits seit Tausenden von Jahren, bei der Zucht von Tieren und Pflanzen. In diesem Fall selektiert jedoch nicht die Natur, sondern der Züchter entscheidet, welche Eigenschaft er fördern möchte. Auch bei der Medikamentenentwicklung hilft das evolutionäre Prinzip heute, wenn es etwa um das Design eines Wirkstoffmoleküls geht.
Entstehen heute noch neue Arten?
Permanent. Wenngleich die Mechanismen der Evolution meist so langsam ablaufen, dass sie sich der menschlichen Wahrnehmung entziehen.
Unterliegt der Mensch noch den Kräften der Evolution?
Die Entwicklung der Menschheit verlief noch bis vor einigen hundert Jahren rasant, und hat sich seit der Erfindung der Landwirtschaft vor 10.000 Jahren sogar beschleunigt.
Deshalb vermuten viele Forscher, dass die Evolution des Menschen längst nicht zum Stillstand gekommen ist, obgleich sie nicht sagen können, welche natürlichen oder gesellschaftlichen Selektionsfaktoren zurzeit die Richtung bestimmen.
(SZ vom 28.06.2008/mcs)
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