Evolution des Menschen Der lange Abstieg zum aufrechten Gang

Neue Knochenfunde aus Äthiopien deuten nicht nur auf eine bislang unbekannte Vormenschenart hin, die vor 3,4 Millionen Jahren in Afrika lebte. Sie zeigen auch, dass unsere Ahnen sich viel Zeit nahmen, bis sie die Bäume verließen.

Von Hubert Filser

Als Stephanie Melillo aus dem ockerfarbenen Sandstein in der Nähe des Mille-Flusses in Äthiopien ein Stück eines menschlichen Mittelfußknochens kratzt, ahnt sie nicht, dass sie ein wichtiges Puzzleteil gefunden hat, mit dem sich die Geschichte der Menschheit besser verstehen lässt.

Evolution des Menschen Fossiler Fuß

3,4 Millionen Jahre alte Fossilien deuten auf einen bislang unbekannten Vormenschen hin - und darauf, dass die Entwicklung des aufrechten Ganges länger dauerte als angenommen.

(Video: Cleveland Museum of Natural History, Authority for Research and Conservation of Cultural Heritage an, Foto: Cleveland Museum of Natural History/Yohannes Haile-Selassie/dpa)

Es sind winzige Bruchstücke, das längste knapp sieben Zentimeter lang. Nur insgesamt acht menschliche Fußknochen holt die Gruppe um den äthiopischen Forscher Yohannes Haile-Selassie aus dem Boden, zerbrechliche Zeugen einer Zeit, in der sich entschied, wie wir Menschen einst laufen würden.

Alle gefundenen Knochenstücke gehören zu einem einzigen Fuß, berichten die Forscher (Nature, Bd. 483, S. 565, 2012): zum rechten Fuß eines Vormenschen, der vor 3,4 Millionen Jahren in der Nähe des Mille-Flusses gelebt hat.

Die Fußknochen verraten viel über die Entstehung des aufrechten Gangs, den Forscher als ersten wichtigen Schritt in der Evolution hin zum Menschen einstufen. Möglicherweise sind es auch erste Hinweise auf eine noch unbekannte Vormenschen-Art. Diese Wesen konnten sowohl auf dem Boden gehen wie sich geschickt in Bäumen bewegen. Sie sind der erste Beleg dafür, dass es in der menschlichen Entwicklung Phasen gab, in der verschiedene Modelle des aufrechten Gangs miteinander konkurrierten, bis die Evolution sich auf unseren heutigen Gang festlegte.

Die berühmte Lucy, die zeitgleich in der Region lebte und schon so ähnlich ging wie wir heute, war also nicht allein.

Die karge, staubig-heiße Region nordöstlich der Hauptstadt Addis Abeba ist reich an fossilen Schätzen. Zwei der am besten erhaltenen Skelette der frühen Menschheitsgeschichte sind im Afar-Dreieck gefunden worden, neben der 3,2 Millionen Jahre alten Lucy auch die 4,4 Millionen Jahre alte Ardi, beides weibliche Wesen.