SZ: Welche Fische sind das noch?
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Borg: In der Nordsee der Kabeljau, Hering, Seehecht, Rochen und Dornhai. Im Golf von Biskaya Seezunge, in der Ostsee Dorsch, in der westlichen Ostsee Hering.
SZ: Alles bekannte Speisefische. Wie gesichert sind denn generell die wissenschaftlichen Daten über den Zustand von Fischbeständen?
Borg: Für fast 60 Prozent der Fischbestände liegen den Wissenschaftlern nur unzureichend gesicherte Daten vor. Die meisten Daten werden nicht von Forschern, sondern von Fischern gesammelt. Und diese Daten sind nicht immer präzise. Der Zustand solcher Fischbestände könnte schlechter sein als befürchtet.
SZ: Warum geht es den Fischen ausgerechnet in Europa so schlecht, wie auch Forscher aktuell im Fachjournal Science berichten?
Borg: Weil in Europa viel zu viele Fischerboote Jagd auf viel zu wenig Fisch machen. Für die meisten Fischbestände hätte die Fangflotte die Kapazität, doppelt bis dreimal so viel Fisch zu fangen, wie Forscher noch für vertretbar halten. Deshalb schränken wir den Fischfang ein, indem wir Quoten festlegen, wer wie viel von welchem Fisch fangen darf.
SZ: Offensichtlich können Quoten die dramatische Überfischung aber nicht verhindern. Was läuft schief?
Borg: Die Quoten werden traditionell nicht nach wissenschaftlichen Kriterien festgelegt. Über sie entscheidet jedes Jahr der Rat der EU-Fischereiminister. Dabei kommen dann natürlich politische Gesichtspunkte ins Spiel. Das Endergebnis ist, dass die Fangquoten im Durchschnitt um fast die Hälfte höher sind, als Wissenschaftler es für richtig halten.
SZ: Mit welchem Resultat?
Borg: Dass sich die Fischer in einen Teufelskreis begeben. Sie fischen mehr Tiere weg als nachkommen - der Bestand schrumpft, die Erträge der Fischer sinken. Also müssen sie mit immer größeren Anstrengungen versuchen, mehr Fisch zu fangen, damit sie profitabel arbeiten können. Dadurch gehen die Erträge im nächsten Jahr aber noch weiter zurück. Das geht seit Jahren so. Obwohl die Fischer mittlerweile einen enormen technischen Aufwand betreiben, erwirtschaften die meisten von ihnen Verluste. Es ist absurd: Trotz der enormen Befischung müssen wir bereits zwei Drittel des in Europa verzehrten Speisefisches aus dem Ausland importieren.
SZ: Das kann doch nicht im Interesse der Fischer sein - was zwingt sie dazu?
Borg: Nicht zuletzt der Umstand, dass sie auf dem Markt oft keinen vernünftigen Preis erzielen können. Die Preise ziehen nicht mit den Kosten mit. Steigen die Kosten eines Fischers, weil er etwa mehr Treibstoff braucht, um die immer entlegeneren Fischgründe anzusteuern, kann er diese nicht an den Konsumenten weitergeben. Es bleibt ihm also nichts anderes übrig, als noch mehr Fisch zu fangen, um auf seine Kosten zu kommen. Und das führt wiederum dazu, dass die EU-Mitgliedsstaaten für ihre Fischer immer wieder höhere Fangquoten fordern, als die Wissenschaft empfiehlt.
SZ: Hat Europa also einfach zu viele Fischer oder die falsche Fischereipolitik?
Borg: Leider beides. Einerseits muss die EU-Fischereipolitik reformiert werden. Und zwar nicht durch irgendein Reförmchen, sondern sie muss grundlegend umgekrempelt werden. Auch die Quotenregelung steht zur Disposition. Ich lade jeden Europäer ein, mir bis Ende des Jahres seine Ideen dazu zu schicken - bis zum Jahr 2013 sollten neue Regelungen europaweit in Kraft treten.
SZ: Und andererseits?
Borg: Andererseits wird zu viel gefischt. Weniger Fischereikapazität wäre durchaus im Interesse der Fischer. Denn wenn wir die Flotte nicht verkleinern, gibt es immer die Versuchung, mehr zu fischen, als erlaubt ist. Und dann geht Europa irgendwann der Fisch aus - und wir haben statt weniger Fischern gar keine Fischer mehr.
SZ: Wie wollen Sie die Fischer vom Fischen abbringen?
Borg: Es muss nicht unbedingt viel weniger Fischer geben, sondern wir können die Fischflotte auch durch das Abwracken von großen Schiffen verkleinern. Das würde die vielen kleinen Küstenfischer gar nicht betreffen. In manchen Fällen wird man allerdings nach alternativer Beschäftigung für die Fischer und ihre Familien Ausschau halten müssen.
SZ: Was passiert, wenn die Fischereiindustrie so weitermacht wie bisher?
Borg: Die Gefahr besteht, dass dann Europas Fischbestände irgendwann komplett ausgeplündert sein werden und die Fischerei in der EU Geschichte ist.
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(SZ vom 31.07.2009/beu)
Man kann ein Meer nicht "leerfischen". Lange bevor das passiert, lohnt die Fischerei nicht mehr. Aber ein erstrebenswerter Zustand ist das nicht und man kann sehr wohl das ökologische Gleichgewicht im Meer stören.
Fischer sind, und das entspricht meiner persönlichen Erfahrung, zum überwiegenden Teil wie Heuschrecken. Der Fisch den sie morgen fangen könnten interessiert sie nicht solange nur heute genug Fisch im Netz ist. Besonders unbelehrbar und verhehrend verhalten sich die spanischen Fischer, die auch noch eine starke politische Lobby hinter sich wissen. Die Isländer, die noch über ergiebige Fanggründe verfügen, sind nicht umsonst der EU so lange ferngeblieben.
Die EU hat sich hier zu oft der Fischfanglobby gebeugt. Und sie hat Fehlentwicklungen nicht rechtzeitig entgegen gesteuert. Zwei Beispiele. Es genügt nicht, für bestimmte Fischarten die Fangmenge zu Begrenzen sondern auch die Fangzeiten müssen begrenzt werden. In den Zeiten, in denen sich die Seezungen, Kabeljau, Hering und andere Speisefischarten forpflanzen, gehört die Fischerei in den Laichgründen komplett verboten.
Der Fang von Speisefischen ist EU weit über Maschenweiten geregelt. So soll der Fang von zu jungen (untermaßigen) Fischen verhindert werden. Aber ein Fischer der kleine Fische (z.B. Sprotten fischt) der kann nicht verhindern, das untermaßige Heringe oder Kabeljau im Netz landen, denn diese sind ähnlich groß.
Auch hier gilt es ein komplettes Fangverbot für die "Kinderstuben" der Fische zu verhängen.
Dazu kommt die Art der Fangmethoden. Treibnetze sind ja nicht ohne Grund ins Gerede geraten. Aber die Schleppnetzfischerei ist nicht viel besser. Untermaßig gefangene Fische wieder ins Meer zurückzusetzen ist sinnlos. Schlepnetzfänge werden wärend des Fangs und beim 'an Bord bringen' so stark gepresst, das die meisten Arten kurz nach dem Fang sterben.
Aufgrund der gesunkenen Fangerträge haben sich viele Küstenfischer auf die "Gammel"-fischerei verlegt. Gammel, das ist jener Anteil von nicht marktfähigen Arten die üblicherweise als Beifang im Netz landen (häufig auch junge Heringe und andere untermassige Speisefische). Dieser "Gammel" ist nun das Hauptziel der Fischer und wird an Tierfutterproduzenten (Fischmehl) verkauft.
Sehr häufig wird dieses Fischmehl dann als Futter in der Aquakultur eingesetzt. Was der Aquakultur als Schutz für die Wildbestände so ziemlich jeden Sinn nimmt.
Andere Opfer der Profitgier der Fischer sind die Tiefseefische.
.. so wie es aussieht, vernichten wir die bestände nicht vollständig, aber wir über einen starken selektionsdruck aus, der kleinere fischarten und generell kleinere fische bevorzugt. immer wieder verblüffend, wie weit der menschliche einfluss inzwischen geht.