Bei der Ausbeutung der Meere spielt Europa eine unrühmliche Rolle. EU-Kommissar Borg über die Gründe und Fische, die nicht mehr auf die Teller kommen dürften.
SZ: Wenn Sie ein Fisch wären, Herr Kommissar, würden Sie in einem Gewässer der Europäischen Union leben wollen?
Der für Fischerei zuständige EU-Kommissar Joe Borg fordert neue politische Vorgaben. (© Foto: AFP)
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Borg: Das wäre ein großes Wagnis. Neun von zehn Fischbeständen in Europa sind überfischt - ein Desaster. Daher wären die Chancen gering, dass ich lange lebe - geringer übrigens, als in vielen Gewässern außerhalb der EU.
SZ: Was würde Ihnen zustoßen?
Borg: Ich könnte zum Beispiel schon als junger Fisch gefangen werden. Das ist nach EU-Regeln verboten. Der Fischer müsste mich also gleich wieder über Bord werfen - überleben würde ich das jedoch nicht.
SZ: Warum haben Fische in Europa so ein gefährliches Leben?
Borg: Die Situation ist sehr ernst. Vor einiger Zeit dachte man noch, dass es endlos viel Fisch im Meer gäbe. Jahrelang wurde weltweit mehr Fisch gefangen, als wieder nachwachsen konnte. So laufen viele Fischgründe Gefahr, auf lange Zeit ausgeplündert zu werden. Sie würden sich, wenn überhaupt, nur nach Jahrzehnten erholen. Wenn wir nicht sehr genau aufpassen, könnte dies dem Kabeljau in der Nordsee und in Teilen der Ostsee passieren. Auch die Sardelle im Golf von Biskaya und der Rote Thunfisch im Mittelmeer sind akut bedroht.
SZ: Welchen Fisch kann man denn überhaupt noch ohne Bedenken essen?
Borg: Jeden, der nach ökologischen Kriterien gefangen oder gezüchtet wurde.
SZ: Das sieht man dem Fisch im Laden aber nicht an.
Borg: Es gibt schon einige Öko-Etiketten. Eines davon ist das blaue MSC-Siegel. Der Großteil der Fische ist allerdings nicht damit ausgezeichnet - nicht unbedingt, weil sie nicht ökologisch gefangen wurden, sondern weil es bislang noch kein geregeltes System der Öko-Kennzeichnung gibt. Vorgaben dafür entwickeln wir gerade auf EU-Ebene.
SZ: Wie also soll sich der Verbraucher derzeit orientieren?
Borg: Augenblicklich kann sich der Konsument nicht hundertprozentig sicher sein, dass der Fisch, den er kaufen möchte, nach ökologischen Kriterien gefangen wurde. Der Fang könnte vielleicht auch zur Überfischung beigetragen haben. Trotzdem braucht man nicht unbedingt ein schlechtes Gewissen haben, wenn man Fisch im Supermarkt oder am Fischmarkt kauft. Denn wir haben in den letzten Jahren schon zahlreiche Maßnahmen getroffen, um Überfischung zu erschweren.
SZ: Umweltschutzorganisationen veröffentlichen Ratgeber, in denen steht, welchen Fisch man nicht essen sollte. Soll man sich danach richten?
Borg: Solche Ratgeber, sofern sie seriös gemacht sind, haben sicher ihren Nutzen. Die EU-Kommission rät jedoch von keinem Fisch ab, der legal gefangen wurde.
SZ: Wie halten Sie es denn selbst mit Fisch?
Borg: Ich bin sehr wählerisch. Ich will ein gutes Gewissen haben beim Essen. Am liebsten esse ich Lampuki, das ist eine regionale Spezialität in meinem Heimatland Malta. Ich weiß, dass dieser Fisch bei uns zu Hause nur von wenigen Fischern auf schonende Weise gefangen werden darf. Auch Zuchtfisch, wie Forelle und Lachs, esse ich ohne Bedenken.
SZ: Essen Sie Kabeljau, dessen Bestände mancherorts durch die Überfischung kurz vor dem Zusammenbruch stehen?
Borg: Nein.
SZ: Warum nicht?
Borg: Erstens, weil er mir nicht schmeckt. Und zweitens ist die Lage der Dorschbestände regional sehr unterschiedlich. Einige Bestände mögen derzeit nicht in akuter Gefahr sein. Doch gelten zu Recht für fast alle Dorschbestände in der EU und auch im Nordatlantik strenge Befischungsregeln und zum Teil auch mehrjährige Wiederaufbaupläne. Ich möchte lieber keinen Fisch essen, der in vielen Meeresgebieten jahrelang überfischt wurde.
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Man kann ein Meer nicht "leerfischen". Lange bevor das passiert, lohnt die Fischerei nicht mehr. Aber ein erstrebenswerter Zustand ist das nicht und man kann sehr wohl das ökologische Gleichgewicht im Meer stören.
Fischer sind, und das entspricht meiner persönlichen Erfahrung, zum überwiegenden Teil wie Heuschrecken. Der Fisch den sie morgen fangen könnten interessiert sie nicht solange nur heute genug Fisch im Netz ist. Besonders unbelehrbar und verhehrend verhalten sich die spanischen Fischer, die auch noch eine starke politische Lobby hinter sich wissen. Die Isländer, die noch über ergiebige Fanggründe verfügen, sind nicht umsonst der EU so lange ferngeblieben.
Die EU hat sich hier zu oft der Fischfanglobby gebeugt. Und sie hat Fehlentwicklungen nicht rechtzeitig entgegen gesteuert. Zwei Beispiele. Es genügt nicht, für bestimmte Fischarten die Fangmenge zu Begrenzen sondern auch die Fangzeiten müssen begrenzt werden. In den Zeiten, in denen sich die Seezungen, Kabeljau, Hering und andere Speisefischarten forpflanzen, gehört die Fischerei in den Laichgründen komplett verboten.
Der Fang von Speisefischen ist EU weit über Maschenweiten geregelt. So soll der Fang von zu jungen (untermaßigen) Fischen verhindert werden. Aber ein Fischer der kleine Fische (z.B. Sprotten fischt) der kann nicht verhindern, das untermaßige Heringe oder Kabeljau im Netz landen, denn diese sind ähnlich groß.
Auch hier gilt es ein komplettes Fangverbot für die "Kinderstuben" der Fische zu verhängen.
Dazu kommt die Art der Fangmethoden. Treibnetze sind ja nicht ohne Grund ins Gerede geraten. Aber die Schleppnetzfischerei ist nicht viel besser. Untermaßig gefangene Fische wieder ins Meer zurückzusetzen ist sinnlos. Schlepnetzfänge werden wärend des Fangs und beim 'an Bord bringen' so stark gepresst, das die meisten Arten kurz nach dem Fang sterben.
Aufgrund der gesunkenen Fangerträge haben sich viele Küstenfischer auf die "Gammel"-fischerei verlegt. Gammel, das ist jener Anteil von nicht marktfähigen Arten die üblicherweise als Beifang im Netz landen (häufig auch junge Heringe und andere untermassige Speisefische). Dieser "Gammel" ist nun das Hauptziel der Fischer und wird an Tierfutterproduzenten (Fischmehl) verkauft.
Sehr häufig wird dieses Fischmehl dann als Futter in der Aquakultur eingesetzt. Was der Aquakultur als Schutz für die Wildbestände so ziemlich jeden Sinn nimmt.
Andere Opfer der Profitgier der Fischer sind die Tiefseefische.
.. so wie es aussieht, vernichten wir die bestände nicht vollständig, aber wir über einen starken selektionsdruck aus, der kleinere fischarten und generell kleinere fische bevorzugt. immer wieder verblüffend, wie weit der menschliche einfluss inzwischen geht.