Ethnologen im Hilfseinsatz Böser Zauber Ebola

Eine verzweifelte Frau in Liberia versucht, wenigstens etwas Staub auf den Leichnam ihrer Schwester zu werfen, den Helfer mitnehmen.

(Foto: John Moore/Getty)
  • Wenn Krankheitserreger und Kultur aufeinandertreffen, können sich gefährliche Konflikte entzünden. Neben Medizinern, Virologen und Logistikern sind deshalb auch viele Anthropologen und Ethnologen am Kampf gegen Ebola beteiligt.
  • Traditionelle Beerdigungen, in denen die Toten in aufwendigen Zeremonien geküsst und gewaschen werden, tragen ebenso zur Ausbreitung des Virus bei wie die Tatsache, dass Menschen im Krankenhaus bei der Pflege ihrer Angehörigen helfen.
  • Wer in Liberia oder Sierra Leone mit den Menschen spricht, bekommt immer wieder Verschwörungstheorien zu hören.
  • Experten fordern: Zwischen Medizinern und der Bevölkerung müssten Brücken gebaut werden.
Von Kai Kupferschmidt

Der Notruf kam früh am Morgen. Es gebe ein Problem, sagte der Leiter des örtlichen Krankenhauses nur. Und es sei dringend. Julienne Anoko machte sich sofort auf den Weg. Es war Anfang Juli, in Guinea verbreitete sich seit Monaten das Ebolavirus. Anoko, eine französische Ethnologin, war in Guéckédou, um bei der Bekämpfung zu helfen.

Im Krankenhaus habe sie eine unfassbare Situation erwartet, sagt Anoko. Am Abend zuvor war eine junge Frau eingeliefert worden, 24 Jahre alt, im neunten Monat schwanger. Einige Stunden später war sie gestorben. An Ebola. Nun wollte die Familie die Frau beerdigen, doch vorher, forderten sie, müssten die Ärzte den Leichnam aufschneiden und den Säugling herausnehmen. Die beiden dürften auf keinen Fall zusammen beerdigt werden.

Was grausam klingt, war für die Familie ein entscheidendes Ritual. "Sie haben mir erklärt, dass die Familie sonst verflucht wäre. Noch die Urenkelinnen würden dann im Kindbett sterben", sagt Anoko. Für die Ärzte kam der Wunsch der Bitte gleich, durch ein Minenfeld zu rennen. Ein Mensch, der an Ebola stirbt, ist am Ende seines Lebens eine Art Virusbombe. Jeder Milliliter Blut kann Milliarden Viruspartikel enthalten. Und die Frau war in einem normalen Krankenhaus gestorben, das nicht für Ebolafälle gerüstet war. Ein Kaiserschnitt war schlicht zu gefährlich. Aber die Familie hatte angekündigt, den Leichnam sonst mitzunehmen und die Operation selbst zu machen, was das ganze Dorf gefährdet hätte. Anoko war gerufen worden, um einen Weg aus dem Dilemma zu finden.

Anfangs musste alles schnell gehen

Wenn Krankheitserreger und Kultur aufeinandertreffen, können sich gefährliche Konflikte entzünden. Neben Medizinern, Virologen und Logistikern sind deshalb auch viele Anthropologen und Ethnologen am Kampf gegen Ebola beteiligt. Und je länger der Ausbruch andauert, umso wichtiger werden sie, sagt Catherine Bolten von der University of Notre-Dame in den USA. Die Ethnologin erforscht seit Jahren in Sierra Leone, wie sich etwa das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat nach dem Ende des Bürgerkriegs entwickelt.

Zu Beginn des Ebolaausbruchs musste alles schnell gehen. Hilfsorganisationen waren völlig überfordert, Ärzte hatten weder die Zeit noch das Wissen, kulturelle Faktoren zu berücksichtigen. Nun müssen Ethnologen wie Bolten und Anoko versuchen, verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen oder überhaupt erst aufzubauen.

Der kulturelle Kontext ist bei der Bekämpfung von Ebola doppelt wichtig. Auf der einen Seite soll die Bevölkerung Rituale unterlassen, die das Virus verbreiten könnten. Dazu müssen die Traditionen erst einmal bekannt sein, und es ist Fingerspitzengefühl notwendig. Auf der anderen Seite hat das plötzliche Auftauchen der Helfer aus fremden Ländern Misstrauen und Verschwörungstheorien geschürt, eine Herausforderung für Hilfsorganisationen, die die Bevölkerung überzeugen müssen, die angebotene Hilfe auch anzunehmen. Auch sie müssen lernen, ihr Verhalten anzupassen. "Es bringt nichts, Ebolabehandlungszentren aufzubauen, wenn die Menschen Angst vor ihnen haben und weglaufen, die Kranken verstecken und die Toten heimlich beerdigen", sagt Bolten.