Ethik Ist jedes Leben gleich viel wert?

Eine Person hat keinen Marktpreis - und doch wird ihr Wert häufig berechnet. Der Philosoph Volker Gerhardt erklärt in SZ Wissen, ob man ein Leben mit Geld aufwiegen kann.

Aus einer 1784 gehaltenen Vorlesung von Immanuel Kant ist eine Bemerkung überliefert, die ganz ungeheuerlich erscheint: "Das Daseyn der unvernünftigen Dinge hat keinen Werth, wenn nichts da ist, das sich dessen bedienen kann."

Freie Wesen, die sich mithilfe der Vernunft ihre eigenen Zwecke setzen?

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Als Beispiele werden der Mond, die Erde und die Tiere genannt. An sich betrachtet, seien sie wertlos; ihr Wert bestehe allein darin, dass sie zu etwas nütze sind.

Von dieser Entwertung aller Werte sind nach Kant nur die Menschen ausgenommen. Und das nicht etwa deshalb, weil sie die Krone der Schöpfung, sondern weil sie freie Wesen sind, die sich mithilfe der Vernunft ihre eigenen Zwecke setzen.

Denn nur wer dazu in der Lage ist, kann verstehen, was Zwecke sind; nur der Mensch verbindet mit der Rede von Zwecken und Werten einen Sinn.

Daraus folgt, dass man die Freiheit des Einzelnen wahren muss, wenn man Werte sichern will. Die Freiheit ist der Grund jeder möglichen Bewertung. Und weil das so ist, nennt Kant den Menschen einen "Zweck an sich", einen "Selbst-Zweck", den man niemals bloß als Mittel gebrauchen darf.

Das Ungeheuerliche dieser Abwertung aller Dinge im Zuge einer absoluten Aufwertung des Menschen hat nicht verhindert, dass sie breite Anerkennung findet:

Wer Freiheit und Gleichheit zu "Grundwerten" erklärt und die Menschenwürde für "unantastbar", macht die unbedingte Selbstauszeichnung des Menschen nicht nur für sich, sondern für alle verbindlich.

Dem können auch naturverbundene Menschen ihre Zustimmung geben, weil der Mensch wissen und fühlen kann, wie sehr er mit anderen Lebewesen verbunden ist. Ihnen mit Respekt zu begegnen, ist ein Gebot der Achtung vor seiner eigenen Würde. Und wie man weiß, können sich selbst religiöse Menschen zum absoluten Wert der Person bekennen. Denn er ist die Voraussetzung für einen selbstverantworteten Glauben.

Eine Person hat keinen "Marktpreis"

Gerade weil es in der Welt der Dinge nichts gibt, was den Wert des sich frei verantwortenden Menschen übersteigt, kommt keine Sache, sondern bestenfalls ein Gott als überlegene Macht infrage. Doch auch für ihn muss man sich frei entscheiden können. Die praktische Konsequenz von Kants metaphysischer Einsicht ist, dass ein Menschenleben durch nichts aufgewogen werden kann.

Eine Person hat keinen "Marktpreis"; sie ist jedem Gegenstand - er mag noch so kostbar erscheinen - überlegen. Es geht auch nicht, sie gegen hochgeschätzte Tiere zu verrechnen, so verständlich es sein mag, wenn ein Gestütsbesitzer im Brandfall zuerst an seine kostbaren Pferde denkt.

Nun ist es aber so, dass der Mensch nicht allein auf der Welt ist. Als gesellschaftliches Wesen ist er in fast allen Lebensleistungen auf seinesgleichen angewiesen. In diesen Beziehungen ist kein Mensch bloß "Zweck an sich", sondern immer auch "Mittel" für vorgegebene Zwecke. Jede Mutter, sie mag sich als noch so eigenständig begreifen, ist ein Mittel, das ihrem Kind das Leben ermöglicht. Ein Arzt dient der Gesundheit seiner Patienten, die ihrerseits seinem Lebensunterhalt dienen.