Von CHRISTOPH SEYFERT

Neue Techniken können bei Verbrennungen und Verletzungen helfen. Bei der Behandlung von Terror-Opfern gab es erste Erfolge.

Verbrennungen hinterlassen oft tiefe und großflächige Wunden. Narben überziehen den Körper, und die Opfer leiden manchmal lebenslang an den Entstellungen.

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Doch nicht nur Verbrennungen können zu großflächigen Gewebeschäden führen. Auch andere schwere Verletzungen gehen mit dem Verlust großer Hautflächen einher. Die bisherigen Ergebnisse der Wundbehandlungen sind oft unbefriedigend. Das Gewebe heilt nur unregelmäßig.

Neue Verfahren könnten zukünftig dabei helfen, bessere Resultate zu erzielen. Das neueste Instrument im Kampf gegen den großflächigen Hautverlust ist die Haut zum Aufsprühen. Das Verfahren trägt den Namen Recell und lässt sich noch am Unfallort anwenden, um größere Schäden zu verhindern.

Erste Ergebnisse einer Studie in Deutschland

Tests mit der Sprühhaut wurden vor einem halben Jahr an 16 Kliniken in Deutschland begonnen, zunächst am Roten-Kreuz-Krankenhaus in Kassel und am Stuttgarter Marienhospital. Jetzt liegen die ersten Ergebnisse vor.

Bei der Behandlung mit Recell wird Haut aus dem Gewebe nahe der Wunde entnommen. Spezielle Eiweißstoffe, die Enzyme, trennen dann die Ober- von der Unterhaut. Die isolierten Zellen werden als Suspension auf die Wunde gesprüht. Dafür zieht man eine Spritze mit einer Lösung auf.

Anstatt einer Kanüle wird ein Zerstäuber zum Auftragen benutzt. Die Behandlung dauert nur 45 Minuten. Mit Recell kann man so aus einem briefmarkengroßen Stück Haut eine Fläche behandeln, die ungefähr so groß wie eine Gesichtshälfte ist.

Für größere Flächen eignet sich Recell nicht, dafür aber ein daraus weiterentwickeltes Verfahren namens Cellspray XP. Beide Methoden sind einander sehr ähnlich. Der Unterschied: Bei Cellspray werden größere Stücke Haut entnommen, die dann im Labor bearbeitet werden.

Nur 48 Stunden

Dort angekommen, wird die Biopsie genauso behandelt wie bei Recell. Im Labor ist aber eine gründlichere Bearbeitung möglich als direkt am Einsatzort. Auch Cellspray wird aufgesprüht.

So lassen sich zehn bis 30 Prozent der Körperoberfläche behandeln. Die Methode nimmt 48 Stunden in Anspruch - im Gegensatz zu den bisher üblichen Verfahren, die mindestens 14 Tage dauern, weil die Haut erst angezüchtet werden muss.

Im Zellgemisch befinden sich oberflächen-, bindegewebs-, abwehr- und pigmentbildende Zellen. Sie sind so aktiv, dass sie innerhalb kurzer Zeit eine große Fläche besiedeln können - und zu weniger Narben führen, als würde man normale Spalthaut verwenden.

Diese wird auf einer Messerwalze rautenförmig eingeschnitten und gedehnt, um eine größere Fläche behandeln zu können. Bei diesem "Mesh-Verfahren" bleibt aber meist ein störendes Gittermuster zurück, das bei Cellspray nicht entsteht. Abgedeckt wird die Wunde mit einem engmaschigen Gazeverband, der zwar Luft rein, aber die Zellsuspension nicht rauslässt.

Einsatz nach dem Attentat von Bali

Cellspray wurde erstmals eingesetzt nach dem Bombenattentat auf Bali im Oktober 2002. Die Behandlungserfolge der Terroropfer waren so überzeugend, dass die Ärztin und Cellspray-Erfinderin Fiona Wood vom Premier ihres Landes mit der Auszeichnung "Australierin des Jahres" geehrt wurde.

Trotz aller Erfolge sind sich die Ärzte sicher, auf das bisherige Spalthautverfahren aber noch nicht verzichten zu können, denn nicht jeder Patient eignet sich für die Behandlung mit Recell oder Cellspray. So kommen Wunden mit Restinfektionen oder noch nicht abgeschlossener Narbenbildung nicht für die neue Therapie in Frage.

Der plastische Chirurg Ernst Magnus Noah vom Kasseler Roten-Kreuz-Krankenhaus hält dennoch beide Methoden für eine Bereicherung: "Es ist eine innovative Technik, die es aber noch weiter zu verfeinern gilt." So habe er bereits Cellspray und Spalthaut gemeinsam verwendet.

Problematisch: Tiefe Wunden

Die Zellsuspension lagerte sich in das Gittermuster ein und glich so die Vertiefungen aus. Auch bei Vitiligo-Patienten lasse es sich einsetzen, vorausgesetzt die Krankheit schreitet nicht weiter voran. Deswegen komme auch hier nicht jeder Patient in Frage.

Ein Herausforderung sind nach wie vor sehr tiefe Wunden. Recell und Cellspray können angewendet werden, wenn noch ein Stück Lederhaut vorhanden ist, auf der sich die Zellsuspension ansiedeln kann. Ist die Haut komplett zerstört, gehen die Ärzte anders vor.

Hierfür eignet sich ein Verfahren namens Matriderm. Es ist seit 2004 in Deutschland zugelassen, aber nur allmählich verbreitet es sich. Es handelt sich dabei um eine Matrix aus Kollagen und Elastin, zwei Strukturproteinen, die häufig in der Haut vorkommen.

Stabil und porös

Als Dermis-Ersatz ist die Matrix auf der einen Seite stabil, auf der anderen Seite aber porös. Dadurch dient es Blutgefäßen als Klettergerüst, an dem sie entlangranken können. Nachdem sich das Gewebe stabilisiert hat, baut der Körper die Matrix ab.

Im Gegensatz zu den bisherigen Verfahren erlaubt Matriderm außerdem, gleich nachdem es in die Wunde eingesetzt wurde, Spalthaut aufzutragen. Die Wunde muss nicht mehr versiegelt werden, und so entfallen lange Wartezeiten. Davor waren zwei bis drei Wochen nötig, bevor wieder ausreichend stabiles Gewebe nachgewachsen war.

Langzeiterfahrungen mit Matriderm gibt es zwar noch nicht. Dennoch sind die Ärzte optimistisch. Eine voll funktionsfähige Haut mit Nervenzellen, Talgzellen und Haaren lasse sich aber nicht wieder herstellen.

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(SZ vom 31.5.2006)