Ernährung Eine komplett tierfreie Landwirtschaft? Experten sind skeptisch

Was unter der Schirmherrschaft Hoops in der Lüneburger Heide begann, wurde später, in Zusammenarbeit mit dem Agrarwissenschaftler Johannes Eisenbach, in Griechenland erprobt. Nach Aussage des griechischen Anbauverbandes Biocyclic-Vegan Network bauen hier schon rund 80 kleinbäuerliche Familienbetriebe erfolgreich Oliven, Zitronen, Orangen und andere Früchte komplett nach bioveganen Richtlinien an.

Ob generalisierbar ist, was im Kleinen und mit Südfrüchten funktioniert, daran hat der Agrarwissenschaftler Friedhelm Taube Zweifel: "Es ist vollkommen unstrittig, dass wir von den jetzigen Ernährungsmustern weg müssen. Ich sehe aber nicht, dass eine generell fleischlose Ernährung oder ein genereller Ausschluss von Nutztieren das Ziel sein sollte." Landbau, der auf alle tierischen Dünger verzichtet, sei sehr standortabhängig. An Trockenstandorten, wie wir sie im Mittelmeerraum vorfinden, sei er durchaus möglich. In niederschlagsreicheren Gebieten hingegen würde Sickerwasser Nährstoffe wie Stickstoff schlicht zu schnell aus dem Boden waschen. Taube plädiert deshalb für eine angemessene biologische Landwirtschaft unter Einbezug von Nutztieren. Er selbst begleitet zusammen mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel das Versuchsgut Lindhof für ökologischen Landbau in Schleswig-Holstein. Die dortigen Untersuchungen zeigen eine Ertragssteigerung von bis zu zehn Prozent bei Einsatz von organischen Düngern wie Jauche.

Sinkt der Fleischkonsum, werden große Flächen frei

Um eine ausreichende Versorgung mit Stickstoff sicherzustellen, kaufen manche biovegane Landwirte pflanzlichen Dünger zu - der allerdings ist deutlich teurer als konventioneller Mist oder Jauche. Hausmann sieht den "Minderertrag" bioveganer Landwirtschaft nicht als praktischen Nachteil, sondern als Ergebnis einer theoretischen Fehlkalkulation - die einen wichtigen Faktor unter den Tisch fallen lässt: "Selbst wenn unsere Getreideerträge nur noch halb so hoch sind wie die Erträge der konventionell wirtschaftenden Kollegen, verschwenden wir dieses Getreide dann eben nicht als Tierfutter, anstatt daraus Brot zu backen und es Menschen zu geben." Da die Feldfrüchte, ohne Umweg über das Tier als Zwischenglied der Nahrungskette, direkt für die menschliche Ernährung genutzt werden, könnten reduzierte Erträge problemlos toleriert und mehr als kompensiert werden.

In diesem Punkt pflichtet Agrarwissenschaftler Taube bei: "Eine Ernährung in Anlehnung an die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung - und damit eine Reduzierung unseres Fleischkonsums um knapp die Hälfte - würde in Deutschland fast ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche freisetzen", so Friedhelm Taube. Eine ähnliche Kalkulation lässt sich auch global aufstellen. Da die Agrarflächen weltweit begrenzt sind, die Nutztierhaltung und die Gesamtbevölkerung aber kontinuierlich wachsen, führt dies zu einer direkten Konkurrenz zwischen Futtermitteln und dem Anbau von pflanzlichen Nahrungsmitteln. Ein Großteil der in Europa verfütterten Eiweißpflanzen wie Soja, Mais und Weizen wird aus Ländern wie Brasilien, Argentinien und den USA importiert.

Um eine tierische Kalorie herzustellen, werden nach Angaben der Organisation Brot für die Welt durchschnittlich sieben pflanzliche Kalorien benötigt. Bei Geflügel liegt der Faktor niedriger, bei Rindern deutlich höher. Unter dem Strich aber ist die Rechnung ganz einfach: Durch den Umweg über die Tierzucht für den Fleischverzehr wird ein Vielfaches der Kalorien, die letztlich auf unseren Tellern landen, verfeuert. Würden wir auf diesen Umweg verzichten, wären mehr als genug Anbauflächen frei für eine biovegane Landwirtschaft.

Ließe sich mit den Erträgen einer tierfreien Landwirtschaft eine weiter wachsende Weltbevölkerung vegan ernähren? "Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht", sagt Daniel Mettke. Der Agraringenieur ist Gründer des bioveganen Netzwerks in Deutschland und beschäftigt sich seit 15 Jahren mit veganen Anbaupraktiken. "Die Höfe, die heute schon biovegan produzieren, haben aber in Hinblick auf Wirtschaftlichkeit und Ressourcenverbrauch eine durchweg positive Bilanz aufzuweisen."

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