Ermittlungen gegen umstrittenen Stammzellforscher Strauer Wundersame Erfolge

Ein Düsseldorfer Kardiologe wurde gefeiert, weil er Herzpatienten mit Stammzellen aus deren eigenem Knochenmark behandelte. Jetzt wird untersucht, ob der Mediziner seine spektakulären Ergebnisse nur vorgetäuscht hat. Hinweise darauf gibt es seit Jahren.

Von Christina Berndt

Die Nachricht ging um die Welt. Im März 2001 leistete Bodo-Eckehard Strauer Pionierarbeit. Weltweit als Erster spritzte er einem Herzinfarkt-Patienten Stammzellen aus dessen Knochenmark direkt in die vom Infarkt betroffene Arterie. Die Zellen sollten sich in Muskelzellen verwandeln und so dem Herzen neue Kraft geben. Das hofften Strauer, seinerzeit Direktor der Kardiologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, und sein Patient, der sich für diesen historischen Medizinversuch zur Verfügung gestellt hatte.

Strauers Interpretation zufolge wurden die Hoffnungen voll erfüllt. Nur fünf Monate nach dem Eingriff teilte der Professor der Weltöffentlichkeit mit, die Stammzelltherapie sei erfolgreich gewesen. In schneller Folge behandelte er weitere Patienten. Nicht überall löste das Begeisterung aus: "Ich war geschockt", erzählte Piero Anversa, der heute Professor am Brigham and Women's Hospital in Boston ist, im April 2004 der Fachzeitschrift Science. Das Vorgehen hätte zuvor an Schweinen oder anderen größeren Versuchstieren getestet werden müssen. Science sprach vom "deutschen Draufgängertum".

Schwerer Verdacht

In seiner Heimat aber wurde Strauer gefeiert. Politiker, Journalisten und Theologen hofierten ihn, weil er ein ethisches Dilemma aufzulösen schien: Seine adulten Stammzellen aus dem Knochenmark schienen die umstrittenen Stammzellen aus Embryonen unnötig zu machen.

Jetzt gerät erneut in den Fokus, was in der Düsseldorfer Kardiologie zwischen der Pioniertat von 2001 und Strauers Emeritierung 2009 vonstattenging. Es gibt einen schweren Verdacht: Strauers Team soll Studien an Patienten manipuliert und Daten geschönt haben. Womöglich lagen für seine Studien nicht einmal die notwendigen Genehmigungen vor.

Die Universität Düsseldorf hat eine Untersuchung wegen möglichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens gegen den Professor eingeleitet. Strauer selbst wehrt sich: "Das ist alles absurd", teilte der 69-Jährige über seinen Medienanwalt mit. Er vermutet eine Kampagne von Befürwortern der Forschung mit embryonalen Stammzellen. "Meine Suche nach einer ungefährlichen und ethisch einwandfreien Behandlungsmethode droht der embryonalen Stammzellenforschung ein Milliardengeschäft zu verderben", sagte er.

"Extrem geringe Mortalität"

Eine Analyse seiner wissenschaftlichen Arbeiten aber zeigt: Es gibt zahlreiche Merkwürdigkeiten zu klären, die Zweifel an der Glaubwürdigkeit wecken. Besonders frappierend sind die Ergebnisse zweier Studien, die Strauer Ende 2009 und Mitte 2010 veröffentlicht hat.

Die erste der beiden, die BEST Heart Study, ist in dem Buch "Adulte Stammzellen" aus dem Düsseldorfer Universitätsverlag erschienen. Insgesamt 578 Herzinfarkt-Patienten sollen behandelt worden sein; 289 davon mit Stammzellen, die anderen zu Vergleichszwecken ohne solche Zellen. Den Patienten soll die Stammzelltherapie gutgetan haben. Es habe eine extrem geringe Mortalität gegeben, stellt das Team in seiner Publikation fest: So niedrige Todesraten wie in dieser Studie seien "in allen vorliegenden Studien", in denen es um Langzeitbeobachtungen bei Herzinfarktpatienten gegangen sei, "bis heute nicht berichtet worden".

Merkwürdig nur: In der zweiten Studie, der STAR Heart Study, die Strauer im Juli 2010 im European Journal of Heart Failure veröffentlichte, finden sich in großer Zahl Ergebnisse, die bis auf die erste Stelle nach dem Komma identisch sind mit den Ergebnissen der BEST Heart Study; so sollen in beiden Studien die Herzen der mit Stammzellen behandelten Patienten zwölf Monate nach der Therapie so weit gestärkt worden sein, dass sie im Durchschnitt exakt 37,8 Prozent des Blutes aus ihren Kammern herauspumpten (die sogenannte Auswurffraktion). Zudem ist eine aus den erhobenen Patientendaten erstellte Grafik in beiden Arbeiten exakt dieselbe.

Identisch sind beide Studien aber nicht: Andere Grafiken unterscheiden sich - etwa der Anteil der überlebenden Patienten im Laufe der Zeit. Zudem wurden im Rahmen der STAR Heart Study nur 391 Patienten untersucht, 191 von ihnen erhielten Stammzellen. Experten halten den Zufall, dass sich bei zwei Patientengruppen so häufig exakt dieselben Werte ergeben, für praktisch ausgeschlossen.

Zu der Frage, wie es zu diesen Widersprüchen kommen konnte, wollte sich Strauer auf Anfrage nicht öffentlich äußern. "Wir diskutieren diese Vorwürfe im Detail nicht in den Medien, sondern mit den jeweils zuständigen Stellen", teilte sein Anwalt mit.

Dass die STAR Heart Study auch für sich allein genommen (ohne den Vergleich mit der BEST Heart Study) Fragen aufwirft, haben kurz nach ihrem Erscheinen zwei britische Kardiologen aufgezeigt: Darrel Francis, der heute Professor am Imperial College London ist, und sein Mitarbeiter Graham Cole. Die beiden schrieben einen Brief an den Herausgeber des European Journal of Heart Failure, der im Februar 2011 erschien. Sie fanden statistische Ungereimtheiten in der Studie sowie Widersprüche in den Angaben der Autoren, was für Patienten sie behandelt haben. In ihrem offenen Brief stellten sie Strauers Arbeitsgruppe daher einige Fragen. Eine Antwort wurde im Journal bislang nicht abgedruckt.

Mögliche Probleme

Im Zuge der Düsseldorfer Untersuchung wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens erhielt auch das European Journal of Heart Failure Kenntnis von möglichen Problemen mit Strauers STAR Heart Study. Strauers Anwalt teilte der SZ mit, das Journal habe seinem Mandanten am Freitag schriftlich bestätigt, dass es "die Daten im Artikel als korrekt akzeptiert und diesen nicht zurückzieht". Dies hat Strauer nach SZ-Informationen erreicht, indem er angab, dass Fehler in der anderen, der BEST Heart Study gemacht worden sind.

Womöglich ist auch bei der Anmeldung der Studien nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. "Zu den Studien liegen keine Unterlagen vor", teilte das für die Genehmigung von Stammzellstudien zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) auf Anfrage mit. Seit August 2004 sind Studien mit Stammzellen nach dem Arzneimittelgesetz genehmigungspflichtig, zuvor waren sie nur vorlagepflichtig. Dennoch wurden die Studien dem PEI zufolge "weder als klinische Prüfungen beantragt/genehmigt, noch als klinische Prüfung vorgelegt". Ob ein Verstoß gegen das Arzneimittelrecht vorliege, werde derzeit geprüft, so das nordrhein-westfälische Wissenschafts- und das Gesundheitsministerium.

Auch wenn Strauer jetzt schweigt: In den vergangenen Jahren erzeugte er stets viel Aufmerksamkeit für seine vermeintlichen Erfolge. Der Professor wurde von Gegnern der Forschung mit embryonalen Stammzellen in Politik und Kirche hofiert. Er galt als "eine Art Geheimwaffe gegen die embryonale Stammzellforschung", wie die taz schrieb. Der Protestant aus Düsseldorf durfte dem Papst die Hand schütteln und erhielt das Bundesverdienstkreuz; der CDU-Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe forderte ein "massives Forschungsprogramm" für die adulte Stammzelltherapie, die "heute schon mehr hält, als die embryonale Stammzellforschung verspricht".

In der Wissenschaft aber wunderten sich viele über die Erfolgsmeldungen des Kardiologen - vor allem über die von ihm immer wieder präsentierten Einzelfall-Behandlungen. Denn wenn es einzelnen Patienten nach einer experimentellen Therapie besser geht, kann niemand mit Gewissheit sagen, dass dies auf die erhaltene Behandlung zurückzuführen ist. Auch seine Studien machten zumindest skeptisch.

Harsche Worte fand der Max-Planck-Stammzellexperte Hans Schöler schon vor Jahren: Er betrachte Professor Strauer nicht als Stammzellforscher, sagte Schöler im März 2008 bei einer Anhörung im Forschungsausschuss des Bundestags. Es ging darum, ob Forschungsarbeiten mit embryonalen Stammzellen notwendig seien. Strauer war von Gegnern dieser Forschung als Experte geladen worden.

Öffentlich kritisierte Schöler, dass nicht einmal klar sei, was Strauer seinen Patienten eigentlich spritze. Es mag in den Zellpräparationen, die die Düsseldorfer Patienten erhielten, "schon eine Stammzelle dabei gewesen sein", sagte Schöler jetzt der SZ. "Aber in einer Präparation aus dem Knochenmark findet sich üblicherweise unter 10 000 Zellen gerade mal eine Stammzelle." Strauers ganzer Ansatz, so Schöler, sei "völlig unwissenschaftlich".

Jubel war verfrüht

Schon bald nach den ersten Heilversuchen wurde durch internationale Forschungsarbeiten deutlich, dass die Herzinfarkt-Therapie mit adulten Stammzellen nicht so einfach Erfolge bringt, wie nach dem ersten Jubel gedacht. Auch Experten für adulte Stammzellen interpretierten die Aussichten für die behandelten Patienten nun extrem vorsichtig. Strauer aber blieb auch gegenüber seinen Patienten forsch. In einer Patienteninformation versprach er noch im Jahr 2007 viel: "Die Zellen siedeln sich im chronisch geschädigten Herzmuskelareal an und ersetzen dort das verloren gegangene Herzmuskelgewebe", hieß es dort. Dabei waren sich Fachleute spätestens seit Mitte 2004 ziemlich sicher, dass die injizierten Zellen eben nicht zu Muskelzellen wurden. Man sei früher "zu begeistert" gewesen, sagte die Frankfurter Stammzellforscherin Stefanie Dimmeler damals der Fachzeitschrift Nature Medicine. Heute erklären sich Fachleute die Effekte der adulten Stammzelltherapie damit, dass die Zellen Moleküle produzieren, von denen das Herz profitiert. Sie bilden mitnichten neues Muskelgewebe.

Auch wenn Strauer hinter den Vorwürfen gegen seine Person Forscher vermutet, die mit embryonalen Stammzellen arbeiten: Die Untersuchungen ausgelöst hat eine anonyme Anzeige im Februar 2010. Die Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung richtete sich gegen Strauers Stellvertreterin zu Düsseldorfer Zeiten, die alle wichtigen Stammzellstudien mit ihm zusammen publiziert hat; die Oberärztin wechselte nach Strauers Emeritierung an ein anderes Krankenhaus und versuchte dort offenbar, die Düsseldorfer Stammzellstudien fortzusetzen.

Behandlung war nur vorgegaukelt

Als sich herausstellte, dass ihre Stammzellstudie an ihrer neuen Wirkungsstätte nicht genehmigt war, gab die ehemals enge Mitarbeiterin Strauers an, sie hätte den Patienten die Behandlung nur vorgegaukelt. Das brachte ihr weitere Ermittlungen wegen Körperverletzung ein, denn die Entnahme der Stammzellen und das Legen des Herzkatheters ohne eine dazugehörende Therapie und ohne Einwilligung der Patienten werden als solche gewertet.

Ein Verfahren wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Urkundenfälschung wurde inzwischen gegen die Frau eröffnet. Jetzt steht es allerdings kurz vor der Einstellung. Die Ärztin sei vor wenigen Tagen verstorben, teilte ein Sprecher des zuständigen Gerichts mit.

Bodo-Eckehard Strauer arbeitet weiter auf seinem Gebiet. Seit seiner Emeritierung ist er Gastprofessor bei seinem Kollegen Gustav Steinhoff an der Universitätsklinik Rostock. Auch Steinhoff hat schon in der Frühzeit der Stammzellforschung, kurze Zeit nach Strauer, Versuche mit adulten Stammzellen an Patienten mit Herzinfarkt unternommen. "Ein Unterfangen", wie er inzwischen selbst sagt, "das keineswegs risikofrei war." Im Zuge seiner neuen Tätigkeit ist Strauer auch an der bisher größten Studie zur adulten Stammzelltherapie bei Herzinfarkt beteiligt, die demnächst beginnen soll. Mit 3000 Patienten in 15 Ländern soll die BAMI-Studie endlich klären, was Stammzellen nach einem Herzinfarkt tatsächlich bewirken können.