Angstbesetzte Erfahrungen brennen sich oft tief ins Gedächtnis ein. Britischen Forschern ist es nun gelungen, Erinnerungen zu tilgen - beim Menschen und ohne Medikamente.
Mit einem einfachen Trainingsprogramm haben Wissenschaftler Menschen unangenehme Ereignisse vergessen lassen. Sie haben dazu die angstbeladenen Erinnerungen zunächst erneut hervorgerufen, um sie dann mit neutralen Informationen zu überschreiben, berichten die Forscher im britischen Fachmagazin Nature.
Vor allem schmerzhafte Erinnerungen kreisen häufig im Gehirn herum - nun haben Forscher einen Weg gefunden, angstbesetzte Gedächtnisinhalte zu löschen. (© Foto: iStock)
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Das menschliche Gedächtnis ist - anders als lange Zeit angenommen - kein starres, unveränderliches Erinnerungsprogramm. Gedächtnisinhalte werden regelmäßig reaktiviert und auf ihre aktuelle Relevanz hin überprüft, bevor sie erneut gespeichert werden. Während dieses "Updates" - der sogenannten Rekonsolidierungsphase - lassen sich Erinnerungen verändern.
Forscher haben sich dies bereits zunutze gemacht, um mit Hilfe von Medikamenten angstbeladene Erinnerungen nach ihrer Reaktivierung aus dem Gedächtnis zu löschen. Allerdings erfolgten diese Experimente bisher vor allem in Tierversuchen; zum Einsatz beim Menschen eignen sie sich aufgrund der verwendeten Medikamente oft nicht.
Elizabeth Phelps und ihre Mitarbeiter von der New York University untersuchten nun, ob sie negative Erinnerungen beim Menschen einfach umschreiben und ihnen dadurch den Schrecken nehmen können. Dazu erzeugten sie bei ihren Probanden zunächst ein Angstgedächtnis: Sie zeigten ihnen auf einem Bildschirm verschiedenfarbige Quadrate.
Beim Anblick einer bestimmten Farbe bekamen die Probanden einen kleinen Elektroschock versetzt. Nach einiger Zeit reagierten die Versuchspersonen allein beim Anblick des farbigen Quadrats, auch ohne Elektroschock, mit Angst.
Weg mit der Angsterinnerung
Am nächsten Tag erfolgte die Auslöschung des Angstgedächtnisses. Dazu riefen die Forscher die Erinnerung erneut hervor, indem sie den Probanden das entsprechende Quadrat zeigten. In der dann folgenden Rekonsolidierungsphase bekamen die Versuchspersonen immer wieder das Quadrat zu sehen, erhielten aber keinen Elektroschock mehr.
So lernten sie, dass das Objekt harmlos ist. Am folgenden Tag reagierten die Probanden neutral auf das Quadrat, die angstbeladene Erinnerung war verschwunden.
Die Erinnerungsblockade hält der Untersuchung zufolge mindestens ein Jahr an und beeinträchtigt das Erinnern an andere Ereignisse nicht. Das Verfahren könnte sich zur Behandlung von Menschen mit quälenden Angststörungen wie etwa einer einer posttraumatischen Belastungsstörung einsetzen lassen, hoffen die Forscher.
Allerdings funktioniert das Löschen der Erinnerungen nur, wenn das Überschreiben der alten Information innerhalb der labilen Rekonsolidierungsphase erfolgt, berichten die Wissenschaftler. Diese dauert nach der Reaktivierung der Erinnerung etwa sechs Stunden. Versuchspersonen, bei denen zwischen Reaktivierung der Erinnerung und dem Auslöschungstraining mehr Zeit lag, reagierten beim Anblick des Quadrats weiterhin mit Angst.
Die Wissenschaftler hoffen, dass unangenehme Erinnerungen so dauerhaft aus dem Gedächtnis verschwinden. Bisherige Techniken zur Angstbeseitigung beruhen darauf, die Erinnerung zu unterdrücken, allerdings kann diese Unterdrückung vor allem unter Stress wieder aufgehoben werden.
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(dpa/gal/joku)
Eigentlich handelt es sich um ein Experiment nach dem klassischen Konditionieren, also seit Pawlows Hund im Prinzip bekannt. Auch das Phänomen der Löschung wurde schon tausendfach beschrieben (Und wurden hier bei den Probanden noch vorhandene körperliche Reaktionen wie Puls etc. gemessen, die ja immer noch unbewusst vorhanden sein können?).
Das einzig neue hier ist der Zeitpunkt der Löschung, der Einfluss zu haben scheint.
Ach, ist ja alles schon gesagt worden...
Ich bezweifle, dass die Ergebnisse dieses extrem vereinfachten Experiments auf posttraumatische Belastungsstörungen übertragbar sind.
Hier wurde künstlich ein Angstreflex vor etwas erzeugt, das an sich harmlos ist und dieser direkt im Anschluss wieder wegtrainiert.
Im Übrigen existiert in der Traumatherapie seit geraumer Zeit mit dem EMDR eine Methode, die ebenfalls auf das "Umlernen" alter, belastender Gedächtnisinhalte und nicht auf Verdrängung abzielt.
Es werden keine Erinnerungen gelöscht sondern Angstrefklexe wegtrainiert.
Ich halte es für einen typischen Machbarkeitsmythos, Erleben aus unserem Gedächtnis zu tilgen. Es ist wohl "technisch" möglich, aber ist es menschlich sinnvoll? Den Schrecken zu nehmen auf jeden Fall, aber die Erinnerung muss oder sollte meiner Meinung nach gar nicht "gelöscht" werden, immerhin gehört jedes Erlebnis zu meiner Persönlichkeit. Außerdem kann kein Wissenschaftler wissen, ob nicht im seelischen Bereich doch noch eine Information dazu gespeichert ist und damit belastend ist. Mit einer gelöschten Erinnerung habe ich keinen Zugang mehr dazu und kann es vielleicht nie mehr ganz auflösen bzw. integrieren.
Vergleichen wir das mal mit den Techniken aus der Traumatherapie (EMDR). Dort werden nach hirnpsychologischen, neuronalen Erkenntnissen, abgespaltene und /oder extrem bedrohliche Erfahrungen integriert, indem ich bei gleichzeitiger emotionaler Erinnerung das Gehirn stimuliere. Ist der Klient stabil genug, verliert selbst ein schlimmes Trauma seinen Horror, kann aber noch als Teil meines Schicksals angenommen werden. Das ist gerade bei abgespaltenen Themen, die ja "blind" das ganze Leben sehr belasten, sehr hilfreich.
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