Erdgasförderung Kritik an der Fracking-Kritik

Erdgasförderung mittels Fracking lässt einem US-Wissenschaftler zufolge große Mengen Methan austreten, die dem Klima schaden. Doch nun wird ihm von anderen Experten vorgeworfen, er verzerre Daten.

Von Christopher Schrader

In den USA ist unter Wissenschaftlern eine Diskussion entbrannt, wie klimaschädlich Methan ist, das als Nebenprodukt von Fracking-Bohrungen aus Erdgasfeldern entweicht. Einem Kritiker des momentanen Fracking-Booms, also dem Aufsprengen von Schiefergestein, ausgelöst wurde, warfen seine Kollegen vor, er verzerre Daten. Die ungewollten Emissionen seien erstens kleiner als angegeben und zweitens in ihrer Wirkung auf das Klima überschätzt.

Ausgelöst hat die Debatte ein Gastkommentar von Anthony Ingraffea von der Cornell University in der New York Times (SZ vom Donnerstag). Er hatte dort argumentiert, aus Fracking-Bohrungen entweiche viel des freigelegten Erdgases durch Lecks in die Atmosphäre. Dort heize es den Treibhauseffekt 72-mal so stark an wie die gleiche Menge CO2. Würden also Kohlekraftwerke durch Gaskraftwerke ersetzt (die grundsätzlich nur halb so viel Kohlendioxid freisetzen) komme es auf die Menge des entweichenden Methans an, ob sich der Vorteil in der Realität auswirkt. Akzeptabel seien höchstens zwei Prozent entwichenes Methan, in der Realität werde aber teilweise das vier- und acht-fache davon gemessen, so Ingraffea.

Die Umweltbehörde EPA schätzt die Freisetzung hingegen auf 1,5 Prozent; etliche von Ingraffeas Kollegen nennen ähnliche Zahlen. Diese Daten nicht berücksichtigt zu haben, trägt Ingraffea den Vorwurf ein, den Forschungsstand zu verzerren. Ihm wird zudem angekreidet, aus persönlicher Betroffenheit zu handeln: Der Ingenieur steht einer Wissenschaftler-Initiative vor, die sich gegen Fracking in der Umgebung der Cornell University wehrt.

Nun haben sich im Blog "Dot-Earth", ebenfalls in der New York Times, weitere Experten zu Wort gemeldet. Sie bezweifeln, dass der Faktor 72 von Ingraffea korrekt benutzt wurde. Wenn es darum gehe, Kohlemeiler zu ersetzen, dürfe man Methan und CO2 nicht nach Masse vergleichen, argumentiert Richard Muller von der Universität Berkeley. Entscheidend sei die Molekülzahl. Für jedes Molekül Methan gelange schließlich genau ein Molekül Treibhausgas in die Atmosphäre. Entweder das Methan selbst, oder - nach dem Verbrennen im Kraftwerk - ein deutlich schwereres Molekül Kohlendioxid. Außerdem seien die technischen Charakteristika der Kraftwerke wichtig, so dass Methan nur zwischen 3,3- und neunmal so klimaschädlich sei wie CO2.

Raymond Pierrehumbert von der University of Chicago argumentiert zudem, Methan sei im Gegensatz zu Kohlendioxid kurzlebig. "Der Klimaeffekt von Methan verschwindet innerhalb von 20 Jahren, daher ist der Schaden, den es anrichtet, umkehrbar." CO2 bleibe hingegen Jahrtausende lang in der Atmosphäre. Auch deutsche Experten halten Ingraffeas Zahlen für hochgegriffen, viele Details zur Bewertung der Methan-Emissionen seien unbekannt. Die Diskussion wird in Fachblättern schon seit einiger Zeit geführt; dort hatten sich auch einige von Ingraffeas Kollegen von der Cornell University gegen ihn gestellt. Der Kritisierte und seine Mitstreiter hatten ihre Berechnungen stets verteidigt.

Immerhin sind sich die Teilnehmer der Debatte einig im Ziel, zum Schutz des Klimas die Emissionen aller Treibhausgase zu reduzieren. Gas sei dafür ein besserer Energieträger als Kohle, beharrt Pierrehumbert, aber auch nicht gut genug. Es dürfe nur als Brückentechnologie in eine Zukunft benutzt werden, in der erneuerbare Quellen Energie liefern, die deutlich effizienter genutzt wird als heute. Ingraffea fordert indes, die Erneuerbaren schon heute stark zu fördern, statt den Umweg über Gas zu nehmen.