Von Richard Friebe

Neue Pipelines und Förderquellen sollen die Versorgung mit Erdgas sichern. Experten warnen dennoch vor Engpässen, während Lobbyisten große Visionen hegen.

Wer die rumänische Stadt Sibiu (Hermannstadt) mit dem Auto in Richtung Osten verlässt, muss auf einer kurvigen Straße die sanften Hügel des Karpatenvorlandes erklimmen. Doch statt frischer Landluft steigt einem dort der beißende Geruch von Gas in die Nase. Die Leitungen, die von einer Verteilerstation aus Stadt und Umland versorgen, sind undicht, die Ventile lecken. Niemand weiß, wie viel Gas dort verlorengeht.

Erdgasleitungen, dpa

Neue Erdgasleitungen werden gebaut, doch wie lange der Rohstoff durch sie fließen wird, ist unklar. (© Foto: dpa)

Anzeige

Lange Zeit hat das auch niemanden interessiert. Überall auf der Welt wurde Gas verschwendet und etwa als lästiges Nebenprodukt der Ölförderung einfach abgefackelt. Doch mittlerweile schmerzen solche Verluste, denn Erdgas gilt schon seit Jahren nicht mehr als unerschöpflicher Rohstoff.

Rumänien ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung: Vor hundert Jahren wurden dort erstmals Erdgasvorkommen entdeckt, und 1917 war das siebenbürgische Turda (Thorenburg) die erste europäische Stadt, deren Straßen komplett von Erdgaslaternen beleuchtet wurden. Zu Zeiten des Warschauer Paktes war Rumänien einer der wichtigsten Gasproduzenten auf der Welt. Doch seit Mitte der siebziger Jahre sinkt auch hier die Fördermenge stetig - bei steigendem Bedarf für Gasheizungen und Stromerzeugung. In Rumänien stammen 40 Prozent der Elektrizität aus Gasturbinen.

Rumänien bezieht sein Gas mittlerweile so wie Deutschland zu einem Großteil aus den wenigen Ländern, die wie Russland ihr Fördermaximum noch nicht erreicht haben, aber ihr Beinahe-Monopol gerne auch als politisches Druckmittel nutzen. Neue Projekte sollen deshalb diese Abhängigkeit entschärfen. Das Rohrleitungsprojekt "Nabucco" etwa soll in Zukunft Gas aus Georgien, Aserbaidschan und Iran liefern.

Die wachsende Flotte riesiger Flüssiggastanker transportiert Erdgas aus Ländern mit großen Vorkommen, die früher zu weit weg waren. Und vor allem in den USA haben Ingenieure neue Bohrtechniken entwickelt, um Erdgas auch aus Schiefergestein zu fördern. Gerade in diesen Gesteinsformationen hat man jüngst immense Gasfunde gemacht.

Eine Studie der Clean Skies Foundation etwa sieht für die USA eine erschwingliche Gasversorgung für mehr als 100 Jahre gesichert. Manche Experten befürchten sogar, dass das billige Gas Investitionen in alternative Energiequellen wie Sonne und Wind behindern werde. In Amerika jedenfalls hat die Gasindustrie bereits eine millionenschwere Lobby-Kampagne begonnen. Die soll - etwa in der Autoindustrie - neue Abnehmer für das Produkt werben.

"Gas-Euphorie ist größtenteils Übertreibung"

Dabei kann bisher niemand mit Sicherheit sagen, ob die neuen Quellen das Fördermaximum von Gas wirklich derart weit in die Zukunft verschieben werden. Matthew Simmons, einst Energieberater der Bush-Regierung, meint, die neue Gas-Euphorie sei "größtenteils Übertreibung": Der Energielieferant aus dem Schiefer sei schwer zu fördern und werde schnell zur Neige gehen - vor allem, wenn der Verbrauch aufgrund des knapper werdenden Erdöls stark steigt.

Doch auch für die Zeit, wenn das Gas irgendwann wirklich knapp wird, sehen die Lobbyisten bereits eine Lösung: Am Meeresgrund lagern weltweit gigantische Vorräte von Methaneis. Sie könnten womöglich den Gasbedarf von vielen Generationen decken.

Klimaforscher allerdings warnen: Bei der Förderung würden wahrscheinlich große Mengen des hochpotenten Treibhausgases in die Atmosphäre entweichen. Außerdem würde beim Verbrennen neues Kohlendioxid entstehen. Zudem müssten erst einmal neue Methoden entwickelt werden, um Tiefseemethan sicher abzubauen. Nur wenn das gelänge, wären vielleicht auch die Rumänen als Big Player beim Gas zurück. Denn im Schwarzen Meer wurde in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das erste solche "Methanhydrat" überhaupt gefunden.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Elektro-Dreckschleudern

Strom-Autos in China belasten die Umwelt stärker als Benziner. Jetzt lesen ...

(SZ vom 29.07.2009)