Erdbeobachtung Selfie-Sticks für den Planeten

Eine neue Generation Satelliten revolutioniert die Welterkundung - und jeder kann mitmachen. Auch wenn Donald Trump die Erdbeobachtung am liebsten einstellen würde.

Von Christian Endt

Mit der Raumfahrt ist es wie mit anderen Fernreisen auch. Man gibt eine Menge Geld aus, legt Hunderte Kilometer zurück, besucht exotische Orte - und am Ende geht es nur um die Selfies, die man zurückbringt.

Anders als die meisten Thailand-Urlauber gibt die Europäische Raumfahrtbehörde Esa offen zu, worauf sie aus ist. Warum sollte sie sich mit der Suche nach Leben auf fernen Planeten aufhalten, so die Idee hinter Copernicus, der derzeit aufregendsten Weltraum-Mission. Nach allem was bekannt ist, gibt es schließlich keinen spannenderen Ort im Universum als unseren eigenen Planeten. Also schießt die Esa mit viel Lärm und Rauch eine ganze Flotte Satelliten ins All, die Tag und Nacht die Erde vermessen und fotografieren.

Vier dieser planetaren Selfie-Sticks kreisen bereits am Himmel, ein fünfter startet am kommenden Dienstag, ein gutes Dutzend soll es in einigen Jahren geben. An den Daten, die sie zurück zur Erde schicken, lässt sich das Wetter ablesen; man kann Pflanzen beim Wachsen zusehen und Polkappen beim Schmelzen; Unternehmer suchen damit nach passenden Standorten für Windräder und Umweltschützer jagen illegale Holzfäller.

Alle Daten stehen frei zur Verfügung

Wie so häufig führt der Blick von außen zu einem besseren Verständnis. Die Satellitendaten ermöglichen ganz neue Erkenntnisse über einen Planeten, der eigentlich längst als vollständig erkundet und vermessen galt. Der Geograf John Hessler von der Library of Congress in Washington, DC sagt deshalb: "Wir befinden uns im großen Zeitalter der Kartografie." Tatsächlich gab es noch nie so umfangreiche, genaue und aktuelle Informationen über die Erde.

"Durch Copernicus ändert sich die Datenverfügbarkeit fundamental", sagt Klaus Greve, Professor für Fernerkundung an der Uni Bonn. Das System biete schnellere Umlaufzeiten und eine höhere räumliche Auflösung. "Das Entscheidende aber ist, dass die Esa alle Daten frei zur Verfügung stellt", sagt Greve. "Dadurch fangen viel mehr Leute an, damit kreativ etwas zu machen." Das gehe von Abschlussarbeiten von Studenten bis zu Unternehmen, die neue Geschäftsmodelle aus den Daten entwickeln. "Jeder kann heute Kartograf sein. Wir werden von Betrachtern zu Akteuren". Während Schüler früher im Erdkundeunterricht im Atlas geblättert hätten, könnten sie heute Karten selbst erstellen und darauf beliebige Daten anzeigen. Letztens habe jemand alle öffentlichen Papierkörbe in Bonn erfasst und kartiert, erzählt Greve. "Man kann nur auf den ersten Blick meinen, dass bereits alles erkundet sei."

Die ersten Satelliten zur Erderkundung starteten die US-Streitkräfte im Jahr 1959. Den Amerikanern ging es nicht um Wissenschaft, sondern um Informationen über die Feinde im Kalten Krieg. Es brauchte einige Anläufe, bis der erste Satellit die richtige Umlaufbahn erreichte und tatsächlich Fotos schoss. Damals wurden die Aufnahmen auf Filme gespeichert, diese an Fallschirmen hängend abgeworfen und von Militärflugzeugen abgefangen. 1972 startete die Nasa ihr bis heute laufendes Landsat-Programm, dessen Bilder und Daten erstmals auch Zivilisten zur Verfügung standen. "Bis dahin waren Aussagen über räumliche Strukturen davon abhängig, dass jemand hingegangen ist", sagt Greve.

Einen weiteren Meilenstein sieht der Geograf in der Einführung von Google Earth im Jahr 2005. Der Dienst kombiniert Satellitenfotos mit Luftaufnahmen aus Flugzeugen und ermöglicht es jedem Menschen mit Computer und Internetanschluss, Geodaten zu Hause anzusehen. Allerdings sind die Bilder auf Google Earth meistens mehrere Monate bis Jahre alt. Gerade das Anfertigen von hochaufgelösten Luftaufnahmen bedeutet einigen Aufwand. "Inzwischen haben wir eine neue Satellitengeneration, die fast die Aufnahmequalität von Luftaufnahmen hat", sagt Greve. Besonders wichtig ist das für ärmere Weltregionen, die sich teure Luftbilder nicht leisten können.