Nicht die stärksten Beben waren bisher die tödlichsten. Über die Zahl der Opfer und das Ausmaß der Verwüstung entscheiden andere Faktoren.
Oft wird der Planet Erde mit einem Ei verglichen - innen weich und mit harter Kruste. Doch dieses Bild ist falsch, denn die Erdkruste ist keineswegs eine starre Hülle, sondern großflächig zersplittert. Und an den Bruchlinien bildet sich mancherorts ständig neue Kruste, während anderswo die harte Schale in das heiße flüssige Erdinnere absinkt. An solchen Spannungslinien kracht und rummst es pausenlos. Dabei können ruckartig ungeheuere Mengen Energie freiwerden, so zum Beispiel 1960 in Chile, bei dem heftigsten je gemessenen Erdbeben.
Unter den folgenschwersten Beben ist nur eines aus der jüngeren Vergangenheit: Das Erdbeben vom 26.12.2004 mit dem anschließenden Tsunami in Südostasien. (© Foto: AP)
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Dessen Wucht erreichte die Magnitude 9,5 auf der Richter-Skala. Noch eine Woche danach waren Schwingungen in allen Erdteilen messbar. Zwei Millionen Menschen verloren ihr Zuhause, und ein Tsunami tötete noch in Hawaii Menschen. Doch die Zahl der Todesopfer blieb bei 3000, also weit unter der nun in Haiti zu befürchtenden Opferzahl. Die physikalische Energie eines Erdbebens lässt eben nicht auf seine Tödlichkeit schließen. Im Gegenteil: Auf der Liste der weltweit folgenschwersten Erdbeben seit dem Jahr 1900 ist das Beben von Chile nur auf Platz 90 zu finden.
Insgesamt 85 Beben mit einer Magnitude von 8,0 oder mehr listet der amerikanische Geologische Dienst USGS für die vergangenen 110 Jahre auf. Doch nur ein einziges dieser heftigen Beben zählt auch zu den 25 folgenschwersten Beben der Neuzeit: das Beben vom 26.12. 2004 in Südostasien. Allerdings starben die meisten der offiziell 227.898 Todesopfer dieses Ereignisses in der Flutwelle, die sich infolge der unterseeischen Erdstöße ausbreitete. Nimmt man dieses Tsunami-Ereignis aus, so verloren bei den 85 stärksten Erdbeben seit 1900 zusammengenommen weniger Menschen ihr Leben als nun in Haiti.
Erdbeben betreffend kommt der Tod oft auf leiseren Füßen. Bis auf das Tsunami-Beben von 2004 blieben die 25 tödlichsten Erdbeben der vergangenen 110 Jahre alle deutlich unterhalb der Magnitude 8. Angeführt wird die Statistik der Todesopfer von dem Beben 1976 in Tangshan in China, bei dem nach Regierungsangaben 255.000 Menschen umkamen, wobei unabhängige Experten mehr als 600.000 Tote vermuten. Dieses Beben hatte eine Magnitude von 7,5, was statistisch weltweit mehrmals pro Jahr vorkommt.
Blickt man weiter in die Vergangenheit zurück, so wurde das bevölkerungsreiche China immer wieder grausam von Beben getroffen. Dort kam es 1556 auch zu den weltweit bislang folgenschwersten Erdstößen: 830.000 Menschen verloren damals bei einem 8,0-Beben in der Provinz Shaanxi ihr Leben.
Die Lage des Epizentrums und die Art der Erdstöße entscheiden offenbar mehr über die Folgen eines Bebens als dessen Stärke. Kurz vor den Stößen von Haiti gab es an zwei Orten der Erde noch heftigere Beben, wobei kein Mensch sein Leben verlor: ein Beben der Stärke 7,1 am 3. Januar bei den Solomonen, und im November 2009 nahe der Fidji-Inseln. Das im Vergleich schwächere 7,0-Beben von Haiti hat nun eine ganze Nation ins Verderben gestürzt.
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(SZ vom 19.01.2010/beu)
Streit um Parteispitze bei der Linken
Was können wir denn nun aus ihren Erkenntnissen schließen?
Die Gebiete in denen gehäuft schwere Erdbeben stattfinden sind bekannt. Ebenso sind es die Prinzipien erdbebensicheren Bauens.
Nach Lesen Ihres Artikels könnte man deshalb zu der Schlußfolgerung gelangen, dass es eigentlich nichts unsinnigeres gibt als Erdbebenopfer. Das jeder, der unbedingt in einem Erdbebengebiet leben will, und nicht bereit ist, in ein erdbebensicheres Gebäude zu investieren, einfach selber schuld ist, wenn er von dessen Trümmern begraben wird. Und damit hätten Sie, ein Stück weit, recht.
Aber auf die Ursachen der hohen Opferzahlen sind sie nicht wirklich eingegangen und hier schließe ich mich den Schlußfolgerungen von 2wsxcft an.
Man kann Erdbeben nicht nur anhand der Stärke des Ereignisses auf der Richterskala vergleichen. Die Tiefe des Ereignisses in der Erdkruste spielt auch eine entscheidende Rolle. Das Erdbeben von Haiti war nicht nur stark es fand auch oberflächennah statt.
Erdbeben von Anno 1900 anhand der Opferzahlen mit heutigen Beben zu vergleichen ist einfach Blödsinn. Damals lebten viele Menschen in abgelegenen Gebieten und die Kommunikationmittel waren simpel und langsam. Wie viele Städte mögen wohl wie Pompeji zerstört worden sein, ohne das es jemals jemand erfahren hat?
Heute lebt der überwiegende Teil der Weltbevölkerung in Großstädten. Die größten dieser Städte liegen in den ärmsten Ländern und wuchern ungebremst weiter. Bauvorschriften sind entweder nicht existent oder werden ignoriert. Die Menschen bauen auf unsicherem Grund und mit unzureichenden Mitteln unsichere Häuser. Ein Erdbeben braucht es da nicht. Schon bei einem Starkregenereignis rutschten ganze Elendsviertel von den bebauten Hängen.
Oft wird auch mit krimineller Energie Pfusch am Bau zur Gewinnmaximierung genutzt (Italien, Türkei).
Dazu kommt, dass in den betroffenen Regionen der dritten Welt die medizinische Versorgung schon zu normalen Zeiten nicht ausreichend ist. Im Katastrophenfall sind Rettungs- und Bergungsdienste hoffnungslos überfordert.
Heute leben 60 % der Erdbevölkerung in einem etwa 450 km breiten Streifen entlang den Küsten. Tendenz steigend. Die allermeisten Großstädte sind Hafenstädte. Und der Meeresspiegel steigt aktuell. Das alles sind Rahmenbdingungen für Katastrophen mit weit höheren Opferzahlen.
Wenn sich mitten in der Wüste eine Naturkatastrophe ereignet und es ist niemand in der Nähe, dann passiert auch keinem was schlimmes.
Ereignet sich aber eine Naturkatastrophe in einem Gebiet wo hunderttausende Leute auf engem Raum in schlecht gebauten Häusern leben, dann gibt es Tote. Auch wenn es nur eine kleines Erdbeben, ein kleiner Sturm oder eine kleine Überschwemmung ist.
Das liegt aber nicht daran, dass schwere Erdbeben prinzipiell weniger gefährlich sind.
Das liegt daran, dass Menschen sich in gefährdeten Gebieten niederlassen, und dass diese Menschen oft zu arm sind um Erdbebensichere (oder Sturmsichere oder Flutsichere) Gebäude zu errichten. Und in solchen Gegenden kann eben auch schon ein "kleines" Erdbeben schreckliche Auswirkungen haben.