Erdbeben in Japan: AKW beschädigt "Tschernobyl ist die richtige Assoziation"

Die Kühlung im Atomkraftwerk Fukushima läuft im Batteriebetrieb, angeblich reicht der Notstrom nicht mehr lange. Der Greenpeace-Experte Christoph von Lieven warnt vor einem GAU.

Interview: Michael König

Christoph von Lieven ist Energieexperte der Umweltschutzorganisation Greenpeace, die sich gegen die Nutzung von Atomenergie ausspricht. Der 48-Jährige ist ausgebildeter Strahlenschutzexperte.

sueddeutsche.de: Herr von Lieven, der Tsunami in Japan hat das Atomkraftwerk Fukushima schwer beschädigt - wie bedrohlich ist die Lage?

Christoph von Lieven: Ohne Stromversorgung bricht die Kühlung zusammen, dann kann es zur Kernschmelze kommen, zum größten anzunehmenden Unfall - zum GAU. Dann ist die Frage: Wie stabil ist die Reaktorhülle? Ist sie durch das Erdbeben beschädigt? Das ist schwer zu sagen. Am Ende hängt es sogar vom Wetter ab. Bei Regen würden die radioaktiven Partikel direkt wieder zu Boden gedrückt, bei Wind dagegen weit getragen. Wenn es zur Kernschmelze kommt, ist Tschernobyl die richtige Assoziation.

sueddeutsche.de: Kurz nach dem Tsunami wurde mitgeteilt, die Atomkraftwerke hätten sich automatisch abgeschaltet - was ist da schiefgelaufen?

Von Lieven: Ein AKW ist keine Lampe, die man einfach ein- und ausschaltet. Die Kettenreaktion läuft auch nach der Abschaltung weiter, sie wird bloß gebremst - durch Steuerstäbe zwischen den Brennstäben. Dabei entsteht weiter Energie, also Hitze. Sie muss mehrere Tage lang abgeführt werden, sonst schmilzt irgendwann alles, was von Menschenhand gemacht ist. Es kommt zur Explosion. Darum braucht es dringend ein stabiles Notkühlsystem ...

sueddeutsche.de: ... das in Fukushima mit Batterien funktioniert, die nicht ewig Energie geben.

Von Lieven: Diese Batterien müssen nun ersetzt oder aufgeladen werden. Bleibt die Frage, ob Lkws mit Batterien zum Atomkraftwerk durchkommen.

sueddeutsche.de: Japan ist eine Erdbebenregion, bei vielen Bauprojekten wird auf Erdbebensicherheit geachtet - bei Atomkraftwerken nicht?

Von Lieven: Tatsächlich wurden die Anforderungen an japanische Atomkraftwerke 1995 verschärft. Sie müssen seither in Risikogebieten Erdbeben bis zu einer Stärke von 8,25 auf der Richterskala aushalten. Diese Zahl ist jetzt als wertlos entlarvt. Das aktuelle Erdbeben war bedeutend stärker, 8,8 bis 8,9. Dafür sind die Anlagen ganz offiziell nicht ausgelegt.

sueddeutsche.de: Ist das in anderen Staaten besser geregelt?

Von Lieven: Keine Ahnung - denn in den meisten unterliegen AKW-Sicherheitsanforderungen der Geheimhaltung. Selbst in Deutschland gilt das als Betriebsgeheimnis. Es ist nach unserer Überzeugung auch hierzulande nicht so, dass im Falle einer Katastrophe jeder weiß, was zu tun ist. Die ganze Technologie basiert auf der Hoffnung, dass nichts passieren wird.

Wie die Katastrophe kam

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