Erdbeben durch Konzerte Wie ein Vulkan vor dem Ausbruch

Große Musikkonzerte können die Erde gewaltig erbeben lassen. Woran das liegt, haben Forscher jetzt ergründet.

Von Axel Bojanowski

Auf einem Freiluftkonzert in Großbritannien hat die Musik so heftig gedröhnt wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Bevor Vulkane ausbrechen, registrieren Messgeräte meist ein regelmäßiges Trommeln, "Tremor" genannt. Die Vibrationen werden von Magma erzeugt, das sich durch Gesteinsrisse zwängt.

Die Vulkan-Beben hinterlassen auf dem Papier, auf dem sie aufgezeichnet werden, eine Zickzack-Linie mit gleichmäßigen Amplituden. Musik kann ein ähnliches Muster erzeugen, berichten Seismologen nun im Fachblatt Seismology Research Letters (Bd.79, S.546, 2008).

Jedes Jahr Mitte Juli feiern etwa 10.000 Besucher das dreitägige Festival "The Glade" für elektronische Tanzmusik im Landkreis Berkshire in Südengland. Sie tanzen vor mehreren Bühnen.

Die Seismologen David Green und David Bowers vom Forschungszentrum AWE Blacknest in Großbritannien hatten 2006 in der Nähe der Feier zwei Erdbebensensoren installiert. Die beiden Experten erforschen alle Arten von Bodenbewegungen, um schließlich die illegale Nutzung von Waffen aufspüren zu können.

"Überraschend deutliche Signale"

Viele Klänge des Erdbodens wurden bereits identifiziert. In den 1970er-Jahren etwa maßen Seismologen permanentes Wummern im Untergrund Europas, ein konstantes Vibrieren und ein an- und abschwellendes. Es handelte sich um die Geräusche von Industriemotoren - im Westen liefen sie gleichmäßig, im Osten mit seinem labileren Stromnetz indes unruhig.

Green und Bowers erblickten nach dem Glade-Festival 2006 ein besonderes Muster auf ihren seismischen Aufzeichnungen: vulkanischen Tremor. Das Festival 2007 bestätigte, dass die Ähnlichkeit mit den Vulkangeräuschen kein Zufall gewesen war.

Wieder registrierten die Sensoren jenes schnelle Stakkato heftiger Signale, zweimal pro Sekunde ein leichtes Erdbeben. Selbst im Detail glich das stundenlange Trommelfeuer dem eines Vulkans. Je schneller die Beben aufeinander folgten, desto stärker waren sie.

"Überraschend deutliche Signale", sagt Rainer Kind vom Geoforschungszentrum Potsdam. "Man kann am Seismogramm ablesen, dass die Musik nicht nach meinem Geschmack ist", sagt der Erdbebenforscher. Jede Musikrichtung hinterlasse vermutlich ein charakteristisches Seismogramm.

Um herauszufinden, was die Tremor-Beben erzeugte, untersuchten Green und Bowers das Schwingungsmuster, das die Erschütterungswellen hinterlassen hatten. Dass tanzende Festivalbesucher die Beben erzeugten, erschien unwahrscheinlich, denn der Tremor hielt ununterbrochen über jeweils 16 Stunden an.

Stampfender Rhythmus

Hüpfende Menschen können selbst auf Kommando nur schwache und unregelmäßige Beben erzeugen. Vor einem Jahr hatte ein Fernsehsender das Publikum eines Rockkonzertes in der Eifel animiert, gleichzeitig zur Musik zu springen, damit Wissenschaftler die Vibrationen aufzeichnen konnten.

Doch die Erschütterungen waren schwächer als erwartet, weil die Leute nie exakt zum gleichen Zeitpunkt auf dem Boden landeten. So schwächten sich die Erdbebensignale gegenseitig ab.

Schallwellen aus der Luft konnten Green und Bowers ebenfalls als Quelle der Beben ausschließen, denn die gemessenen Bodenschwingungen waren schneller als Schall. Die Erschütterungen seien vom Wummern der Lautsprecher ausgelöst worden, schreiben die Seismologen.

Die gewaltigen Boxen des Festivals hätten die Musik direkt in den Boden übertragen. Das Stampfen des Rhythmus' habe die Erde kilometerweit erzittern lassen.