Entwicklungshilfe Mit Ziegen gegen das Elend

Ziegen, Schafe oder Meerschweinchen - das Programm will Armut bekämpfen und Menschen zu Kleinbauern machen.

(Foto: Chris Jackson/Getty Images)

Ökonomen testen erfolgreich ein Programm, das ärmsten Menschen eine wirtschaftliche Basis verschafft. Sie bekommen ein paar Tiere, etwas Geld und Beratung - und meistern fortan das Leben als Kleinbauern.

Von Christopher Schrader

Sechs Ziegen, ein Ochse, mehrere Bienenvölker oder ein paar Dutzend Meerschweinchen - das bedeutet für eine Milliarde Menschen in armen Ländern den Unterschied zwischen ausweglosem Elend und einer wirtschaftlichen Basis für die Familie. Die Tiere, sorgfältig gehütet, genutzt und vermehrt, sichern Kindern regelmäßige Mahlzeiten und geben Eltern vielleicht zum ersten Mal das Gefühl, eine Chance zu haben und ihr Leben steuern zu können.

Ist das nur eine romantische Idee wohlmeinender und wohlhabender Europäer? Nein, es ist eine nach allen Regeln der wissenschaftlichen Ökonomie abgesicherte Tatsache. Ein internationales Forscherteam hat Tiere als Hilfe zur Selbsthilfe in einer Studie mit 21 000 Menschen in sechs Ländern getestet und für wirksam und lohnend befunden (Science).

Die Forscher gehen so streng vor wie ein Firmenvorstand

Das belege, dass die Ärmsten der Armen nicht unfähig sind, ihr Leben aus eigener Kraft zu verbessern, sagt Abhijit Banerjee vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). "Wir wollten zeigen, dass diese Schlacht gewonnen werden kann." "Die Idee ist, die Armutsfalle zu entriegeln, mit großem Anschub über begrenzte Zeit", erklärt das Forscherteam um Banerjee und seine Kollegin Esther Duflo.

Die beiden haben vor zwölf Jahren das "Poverty Action Lab" am MIT gegründet, das Verfahren der Armutsbekämpfung und Entwicklungshilfe empirisch überprüft. Sie gehen dabei mindestens so streng vor, wie ein Firmenvorstand die Kosten-Nutzen-Rechnung einer neuen Produktionshalle machen würde. Zudem haben sich die Ökonomen einen Trick der Medizin abgeschaut: Sie geben die Hilfe einem zufällig bestimmten Teil der möglichen Empfänger und nutzen den Rest der Menschen als Kontrollgruppe. So lässt sich der Effekt einer Maßnahme gezielt messen. Von den 10 500 zunächst ausgewählten Haushalten in den sechs Ländern bestimmte das Los 3900 zur Versuchsgruppe.

Peruaner entscheiden sich mehrheitlich für Meerschweinchen

Das Verfahren wurde jeweils von einer lokalen Hilfsorganisation abgewickelt und richtete sich an die Ärmsten der Armen: Menschen, die mit der Kaufkraft von weniger als 40 Dollar pro Monat auskommen müssen. Die Dorfgemeinschaften ausgewählter Orte hatten jeweils bestimmt, welche Haushalte für das Programm infrage kamen; Helfer überprüften dann die Verhältnisse der Familien. Sie erhielten zunächst einige Tiere, um ihren Lebensunterhalt langfristig zu sichern.

In Indien und Pakistan, Äthiopien und Ghana entschieden sich die meisten Empfänger für Ziegen. Teilnehmer in Honduras wählten hingegen fast ausschließlich Hühner und Peruaner mehrheitlich Meerschweinchen, die dort "Cui" genannt traditionell als Festtagsbraten verzehrt werden. Sogar auf einem Gemälde vom letzten Abendmahl in der Kathedrale von Cusco liegt auf dem Tisch ein gebratenes Meerschweinchen.

Der Effekt war klein, aber fast immer statistisch signifikant

Neben den Tieren bekamen die Testfamilien für sechs bis zwölf Monate etwas Bargeld oder Lebensmittel. Es war nicht viel, etwa der Gegenwert von einem Kilogramm Reis pro Tag, half aber über die Runden, bis die Tierhaltung Erträge abwarf. Helfer richteten für die Familien eine Art Bankkonto ein, um etwas für Notfälle zu sparen. Der Zugang zum Gesundheitssystem wurde verbessert, und bis zu zwei Jahre lang erhielten die Menschen möglichst jede Woche Besuch von einem Mitarbeiter der Hilfsorganisation.

Er gab ihnen Tipps für den Umgang mit den Tieren, beriet sie in Geldfragen und förderte ihre Zuversicht. Im Durchschnitt kostete all dies knapp 4000 Dollar pro Haushalt für die beiden Jahre. In den sechs Ländern der Studie hatte sich am Ende der zwei Jahre das Leben der Menschen in der Versuchsgruppe messbar verbessert.