Engpass bei Blutkonserven Eine große Spende, bitte

Es gibt immer weniger junge Spender und immer mehr alte Menschen. Deshalb wächst die Zahl der Operationen - und die Blutkonserven werden knapp.

Von Nina von Hardenberg

In Deutschland könnte in den kommenden Jahren das Blut knapp werden. Nach einer Studie der Universität Greifswald werden schon 2010 in Mecklenburg-Vorpommern bis zu 35 Prozent der benötigten Blutkonserven fehlen. In anderen Teilen Deutschlands zeichnet sich mit einer Verzögerung von etwa zehn Jahren ein ähnlicher Trend ab.

In den nächsten Jahren könnten die Blutreserven knapp werden.

(Foto: Foto: dpa)

"Wir haben jetzt zehn bis 15 Jahre um zu reagieren", warnte der Greifswalder Transfusionsmediziner Andreas Greinacher bei der Vorstellung der Studie am Mittwoch auf der Jahrestagung Europäischer Transfusionsmediziner in Düsseldorf. Er forderte die Politik auf, zu handeln und Blutspende-Kampagnen auszuweiten.

Grund für den erwarteten Mangel ist die Überalterung der Gesellschaft, die in Ländern wie Mecklenburg-Vorpommern besonders schnell voranschreitet. Sie führt dazu, dass es immer weniger junge und gesunde Spender gibt. Gleichzeitig wächst mit der Zahl der alten Menschen der Blutbedarf, denn alte Menschen sind häufiger krank als junge.

Auch hat der medizinische Fortschritt die Nachfrage nach Blutkonserven erhöht, weil immer mehr komplizierte Eingriffe gemacht werden. So hat sich die Zahl der offenen Herzoperationen zwischen 1990 und 2002 mehr als verdoppelt.

Inzwischen profitieren auch ältere Patienten von diesen Eingriffen, heißt es in der Studie. Waren 1990 noch ein Prozent der Patienten bei Herzoperationen älter als 80 Jahre, so waren es 2002 schon sechs Prozent.

"Die Operationstechniken sind schonender geworden und die Anästhesie wurde verbessert, deshalb können diese Operationen auch bei alten Menschen durchgeführt werden", sagt Greinacher. All dies aber erhöhe den Bedarf an Blutkonserven.

"Gesunde müssen an Krankheit"

Knapp fünf Millionen normale Blutspenden werden nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts jedes Jahr in Deutschland abgegeben. Drei Viertel davon sammelt das Deutsche Rote Kreuz (DRK) ein. Die Hilfsorganisation hat schon heute Probleme, das Spenden-Niveau zu halten. Denn sie stützt sich hauptsächlich auf langjährige Spender, die häufig mehrmals jährlich kommen. Sie bringen 90 Prozent der Blutkonserven auf. Nur zehn Prozent stammen von sogenannten Einmal-Spendern.

Die Dauerspender sind aber zumeist ältere Menschen. Unter jüngeren herrscht Blutspende-Müdigkeit.

"Wenn uns ein älterer Spender wegfällt, brauchen wir drei Junge um ihn zu ersetzen", erklärt Friedrich-Ernst Düppe, Sprecher des DRK-Blutspendedienstes. Denn junge Menschen spendeten weniger regelmäßig. Das Hauptproblem sei aber die insgesamt niedrige Spendebereitschaft der Bevölkerung. "Wir erreichen nur knapp drei Prozent der Bevölkerung. Fünf bis sechs wären nötig, um die Versorgung sicherzustellen", so Düppe.

Warum die Spendenbereitschaft gerade in der Generation, die jetzt Mitte 30 ist, so stark nachlässt, ist weitgehend unerforscht. Kongress-Präsident, Rüdiger Scharf, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin der Universität Düsseldorf, vermutetet, dass die Jüngeren von anderen Wertvorstellungen geleitet werden. "Wir müssen Gesunde dazu bekommen, an Krankheit zu denken, das ist sehr schwer", sagte Scharf. Selbst Mediziner hätten eine schlechte Blutspende-Moral.

Der Kongresspräsident setzt auch Hoffnung in die Forschung. Die Blutgewinnung aus Stammzellen mache "beeindruckende" Fortschritte, sagte er. Das sei jedoch noch "Zukunftsmusik."

Direkte Abhilfe könnte dagegen eine Lockerung der Gesetzeslage bringen. Scharf forderte das bislang auf 68 Jahre festgelegte Höchstalter für Spender aufzuheben. "Jede kalendarische Festlegung ist willkürlich", sagte Scharf. Diskussionswürdig seien auch die besonders strikten deutschen Gesundheitsvorschriften für die Spender.

So dürfen in Deutschland beispielsweise Homosexuelle kein Blut spenden, weil sie ein erhöhtes HIV-Risiko haben. Gleiches gilt wegen einer potentiellen BSE-Gefahr für Menschen, die zwischen 1980 und 1996 über sechs Monate in England gelebt haben. Strenge Regeln gelten auch nach Impfungen. An der Uniklinik Düsseldorf würden bis zu 20 Prozent möglicher Spender aufgrund der Gesetzeslage abgewiesen, so Scharf.

Weitere Informationen zu Blutspenden gibt das DRK unter 0800-1194911 oder auf der Seite http://www.drk-blutspende.de/