Energie Wie Blockchain-Technik das Energiesystem revolutionieren kann

Strom direkt beim Produzenten kaufen, vom Nachbarn oder Biogas-Bauern: Die Technologie hinter "Bitcoin" birgt große Vorteile für Stromkunden.

Von Ralph Diermann

Regionales Einkaufen ist derzeit sehr populär. Den Sonntagsbraten besorgt man sich beim Hofmetzger um die Ecke, das Gemüse dazu auf dem Wochenmarkt. Beim elektrischen Strom ist das anders - obwohl der mit dem Ausbau erneuerbarer Energiequellen längst in allen Winkeln Deutschlands produziert wird. Man kann nicht einfach beim Nachbarn mit den Fotovoltaikmodulen auf dem Dach Kilowattstunden kaufen. Oder beim Bauern mit der Biogas-Anlage. Am Versorger, ob Energiekonzern, Stadtwerk oder Ökostrom-Anbieter, führt bislang kein Weg vorbei.

Doch das könnte sich ändern. Blockchain heißt die Technologie, die Energiegeschäfte über den Gartenzaun möglich machen soll. Entwickelt wurde sie ursprünglich für die digitale Währung Bitcoin, mit der sich Geld über das Internet transferieren lässt, ohne dass Banken oder andere Instanzen beteiligt sind. "Blockchain ermöglicht einen Handel ohne Mittelsmann. Das senkt die Transaktionskosten drastisch, sodass ein direkter Stromhandel zwischen Erzeuger, etwa einem Hausbesitzer mit Solaranlage, und Verbraucher möglich wird", sagt Kirsten Hasberg, Energieexpertin der Initiative Blockchain Hub Berlin.

Das Prinzip von Blockchain: Kaufvorgänge werden nicht über eine zentrale Plattform abgewickelt, sondern im Verbund aller Computer, die am System teilnehmen. Die Rechner dienen als vernetztes, dezentrales Register, das sich nicht manipulieren lässt. "Bei der Blockchain liegt die Datenhoheit bei jedem einzelnen Teilnehmer. Damit ist das System sicherer als Modelle, bei denen eine dritte Partei beteiligt ist", erklärt Hasberg.

Elektroauto und Ladestation kommunizieren - ohne Menschen

Die Rechner speichern Transaktionen in laufend erweiterten, digitalen Blöcken, die bei jedem Geschäft an sämtliche beteiligten Rechner übertragen werden. Hat ein Block eine gewisse Größe erreicht, wird ein neuer geschaffen. Zusammen bilden sie eine Kette - die Blockchain. Anhand von Prüfsummen in den Blöcken können sich die Computer gegenseitig kontrollieren. Da sich das System selbst organisiert, fallen praktisch keine Kosten an.

Die Blockchain-Technologie passe deshalb perfekt zum Energiemarkt der Zukunft, sagt Tobias Federico, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Energy Brainpool. Sie mache es möglich, geringe Energiemengen zu handeln - ein großer Vorteil in einem System, das nicht mehr von wenigen Großkraftwerken, sondern von unzähligen dezentralen Anlagen mit wetterabhängig stark schwankender Leistung dominiert wird. Haushalte könnten sich mithilfe der Blockchain ihren Strom nach Lust und Laune, Preis und Präferenz von unterschiedlichen Erzeugern besorgen - ein paar Wattstunden hier, ein paar Wattstunden da. Mit Unterstützung einer App ließe sich das auch automatisieren: "Sie erfasst, wie viel Energie ich aus Solar- und anderen Erzeugungsanlagen oder Batteriespeichern in meiner Nähe beziehen kann. Den Rest liefert mir mein Versorger", erklärt Federico. Die Preise und andere vertragliche Vereinbarungen hinterlegen die Parteien in der Blockchain, die Geschäfte werden automatisch ausgeführt. Stromzähler erfassen den Energiefluss und übertragen die Daten per Funk oder Internet an den Blockchain-Rechner.

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Auch der Elektromobilität könnte die Blockchain gute Dienste leisten. So wäre es möglich, ein einfaches, günstiges Abrechnungssystem für Ladestationen zu schaffen, das ohne eine aufwendige Verifizierung etwa über Karte und PIN auskommt. Fahrzeug und Ladesäule kommunizieren direkt miteinander - von Maschine zu Maschine, ohne dass Menschen involviert sind. Selbst das Laden minimaler Strommengen, etwa bei einem Ampelstopp über eine Induktionsschleife im Asphalt, ließe sich auf diese Weise realisieren. In den Augen von RWE ein vielversprechender Ansatz: Um Erfahrungen mit dem Konzept zu sammeln, hat der Konzern das sächsische Start-up Slock.it beauftragt, eine erste Ladesäule für die Blockchain zu rüsten.

Federico ist überzeugt, dass die Technologie die Energiebranche grundlegend verändern wird. "Als das Internet in den Neunzigerjahren aufkam, konnten wir uns nicht vorstellen, welche Möglichkeiten es uns heute bietet", sagt der Berater. So ähnlich sei das mit der Blockchain.

Plötzlich waren 53 Millionen Dollar weg. Das erzeugt Skepsis

Bis es so weit kommt, müssen jedoch noch einige Hürden genommen werden - unter anderem politischer und juristischer Art. Denn die Infrastruktur der Stromversorgung wird zu einem großen Teil über Steuern, Umlagen und Abgaben finanziert. Den rechtlichen Rahmen dafür bildet ein komplexes regulatorisches System, in dem Parteien wie den Netzbetreibern, der Strombörse oder den Versorgern zentrale Bedeutung beikommt. Private Stromlieferanten lassen sich nicht ohne Weiteres in dieses Raster integrieren, sagt Ines Zenke, Partnerin in der auf die Energiebranche spezialisierten Wirtschaftskanzlei Becker Büttner Held. "Welche Rolle bekäme ein Häuslebauer mit Solaranlage, der seinen überschüssigen Strom zwei Stunden lang an einen Nachbarn verkauft? Würde er damit zum Versorger? Fragen wie diese sind wichtig, weil Regelungen unter anderem zur Stromsteuer an die Rolle des Versorgers andocken", erklärt Zenke.

Hinzu kommen technische Unsicherheiten. So hat das Start-up Slock.it, das nun mit RWE zusammenarbeitet, mit Hilfe der Blockchain-Idee auch eine Crowdfunding-Institution aufgebaut, die Banken überflüssig machen könnte. Nur kamen dort aufgrund eines Programmierfehlers in einem spektakulären Hack 53 Millionen Dollar abhanden. Inzwischen hat die Community einen Weg gefunden, den virtuellen Verlust technisch rückgängig zu machen, aber der Vertrauensverlust ist enorm. Ob solche Risiken sich bei einem Einsatz im Energiebereich ausschließen lassen, müsste sich noch zeigen.

Trotzdem sieht Kirsten Hasberg jetzt Politik und Regulierungsbehörden am Zug. "Wenn ein System so reguliert ist, dass Akteure wie private Betreiber von Solaranlagen nicht am Markt teilnehmen können, stimmt etwas nicht. Früher konnte man das noch technologisch begründen. Mit der Blockchain gelten diese Gründe aber nicht mehr", erklärt Hasberg. Sie fordert: "Wenn eine Technologie die Marktbedingungen komplett verändert, muss auch der regulatorische Rahmen angepasst werden." Zenke sieht das ähnlich: "Das Recht muss sich bewegen. Dann kommen zu den 12 650 Normen im Energiebereich halt noch einige dazu, oder alte müssen modernisiert werden."

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