Energie Russland schickt ein Atomkraftwerk aufs eisige Meer

  • Russland hat ein schwimmendes Atomkraftwerk auf den Weg in die Arktis geschickt.
  • Es soll entlegene Küstenorte und Ölplattformen mit Energie versorgen.
  • Umweltschützer sind alarmiert.
Von Silke Bigalke

Die Norweger haben sich längst an den Anblick russischer Schiffe vor ihrer Küste gewöhnt, an Fischkähne, Eisbrecher und sogar an die nuklearen U-Boote aus Murmansk. Doch als das Nachbarland ein komplettes Atomkraftwerk durch ihre Gewässer schleppen wollte, wurde es ihnen zu viel.

Die Akademik Lomonossow ist nicht nur das erste schwimmende AKW, es soll auch das nördlichste der Welt werden. Moskau hofft, Atomenergie per Schiff in großem Stil in die Arktis zu bringen. Die schwimmenden Kraftwerke sollen entlegene Küstenorte versorgen. Und sie könnten Energie für russische Ölplattformen im Polarmeer liefern. Umweltschützer sind daher gleich doppelt alarmiert.

Für Norwegen war die Reise der Akademik Lomonossow die erste große Sorge. Ursprünglich sollte das Schiff mit Brennstäben beladen in Sankt Petersburg ablegen. Bei mehr als zwei Meter Wellengang und ein wenig mehr Wind hätte der Kahn an der norwegischen Küste Schutz suchen müssen. Das rostbraune Atom-Boot, 144 Meter lang, 30 Meter breit und mit zwei Reaktoren beladen, hätte womöglich in einem der malerischen Fjorde festgesessen.

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Das Außenministerium in Oslo hat protestiert. Auch in Sankt Petersburg gab es Widerstand gegen die Idee, wenige Kilometer vom Zentrum der Millionenstadt mit radioaktivem Material zu hantieren. Der Konzern Rosenergoatom, der zur staatlichen Atomenergiebehörde Rosatom gehört, entschied schließlich, den radioaktiven Brennstoff erst in Murmansk an Bord zu holen, dem einzigen eisfreien russischen Hafen in der Arktis, nur 110 Kilometer von der norwegischen Grenze entfernt. Im Moment ist der Konvoi fast dort: Im Internet kann man die Kolonne der vier Begleitschiffe als hellblaue Punkte in der Bucht von Murmansk sehen. Offenbar ist alles glatt gelaufen auf der dreiwöchigen Reise. Doch der kritische Teil kommt erst noch.

"Die gesamte Idee eines schwimmenden Atomkraftwerks im Arktischen Ozean ist Wahnsinn", sagt Truls Gulowsen, Chef von Greenpeace in Norwegen. Umweltschützer warnen, dass ein Reaktor auf einem Schiff größeren Gefahren ausgesetzt sei. Nun ist der schwimmende Meiler mit einer Leistung von 70 Megawatt kleiner als die meisten Atomkraftwerke an Land. Dafür fehlt ihm eine dicke Betonhülle. Zudem wäre ein Schiff im Notfall schwierig zu erreichen, vor allem in der vereisten Arktis. Die Akademik Lomonossow hat zudem keinen eigenen Antrieb. Sollten sich die Taue lösen, würde das Vehikel im rauen Eismeer driften. "Es besteht ein höheres Risiko, dass ein kleiner Vorfall zu einem großen Unfall eskalieren kann", sagt Gulowsen.

Im kommenden Jahr reist die Akademik Lomonossow an der arktischen Küste Russlands entlang, 6000 Kilometer bis nach Pewek im Nordosten Sibiriens. Dort soll sie einen alten Reaktor an Land ersetzen. "Man kommt dort im Winter nicht hin", sagt Nils Bøhmer, Atom-Experte der Umweltorganisation Bellona mit Sitz in Oslo. Bei einem Unfall wäre die Mannschaft auf sich gestellt und hätte nur die Ausrüstung vor Ort. Für ihn wäre ein Feuer das schlimmste Szenario, der Wind würde die Radioaktivität dann womöglich schnell und weit verteilen.