Saxe will dieses Neuronetzwerk auch bei einfacheren empathischen Leistungen am Werke sehen, die bisher Spiegelneuronen vorbehalten schienen, zum Beispiel, wenn wir in einem Gesicht Angst oder Ekel lesen. Zwar leugnet die MIT-Forscherin keineswegs, dass diese Gefühle im basalen Emotionszentrum des Beobachters - dem limbischen System - gespiegelt werden. Sie stellt jedoch aufgrund mehrerer Studien in Frage, ob diese Mechanismen genügen, um Emotionen auch gedanklich zuzuschreiben. "Das würde bedeuten, dass Menschen mit geschädigter Amygdala in ihren Mitmenschen keine Angst erkennen - das gelingt ihnen aber häufig dennoch." Saxe will damit die Simulationstheorie nicht völlig ad acta legen, ihr aber bestenfalls eine untergeordnete Rolle zugestehen.

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Das sehen einige Kollegen naturgemäß anders. "Bei Emotionen geht es primär um Mitempfinden, nicht um die Zuschreibung von Geisteszuständen", kritisiert etwa der österreichische soziale Neurowissenschaftler Claus Lamm von der Universität Zürich. "Simulationistische Ansätze beschäftigen sich vor allem mit Emotionen und Aktionen, also konkret beobachtbaren Zuständen - Tränen oder Lachen etwa -, während Theory-of-Mind-Ansätze primär das Verstehen gedanklicher, nicht direkt beobachtbarer Zustände behandeln." Im Alltag, sagt Lamm, würden beide Mechanismen aber oft zusammen auftreten.

Das konnte vor kurzem auch der Hirnforscher Kai Vogeley von der Uniklinik Köln bestätigen. In einem Experiment ließ er Probanden im Hirnscanner virtuellen Personen gegenübertreten, die den Blick von ihnen abwandten oder ihnen direkt in die Augen sahen. Zuerst nahmen die Personen nur eine Bewegung des anderen Menschen wahr, die Spiegelneuronen aktivierte. Kam es zu längerem Blickkontakt, begann im Gehirn das neuronale Netzwerk der Theory of Mind zu arbeiten.

"Es gibt ein klares Theoriedefizit"

Deshalb will Vogeley auch beiden Lagern recht geben. Er unterscheidet zwischen bewusstem Nachdenken über andere und präreflexiver Empathie, bei der wir andere unmittelbar verstehen. "Wahrscheinlich helfen Spiegelneuronen, uns zumindest intuitiv und orientierend in andere einzufühlen, eine Art Vorstufe, ehe wir detaillierte Vorstellungen darüber formen, was in einer anderen Person vorgeht."

Dennoch wird sich der Streit zwischen den Simulationisten und Theory-of-Mind-Vertretern wohl so schnell nicht auflösen. Das liegt nicht zuletzt dar an, dass Hirnscanner zwar immer höher auflösende Bilder liefern, aber Forscher über die Interpretation streiten. "Es gibt ein klares Theoriedefizit", gesteht auch Saxe. Mit einfallsreichen Experimenten will sie dieses Manko beheben. So leuchtet Saxe verschiedenste Dimensionen des kognitiven Empathienetzwerkes aus, etwa bei Autisten und Blinden oder im Kontext von Sprache und Moral.

Für die Untersuchung der Moral etwa hat die Hirnforscherin mit ihrer Mitarbeiterin Liane Young einen raffinierten Versuch ersonnen, der das Verstehen von absichtsvollen Handlungen anderer Personen testet. So neigen wir dazu, einem Ehemann zu vergeben, der seiner Frau ungewollt eine tödliche Dosis Gift in den Kaffee gemischt hat. Hingegen verurteilen wir ihn, wenn er Gift verabreichen wollte, ihr aber versehentlich nur eine Zuckerdose reicht. Die moralische Bewertung richtet sich offensichtlich nach der Intention des Mannes.

Doch dieses empathische Urteilsvermögen konnten die Forscherinnen im Labor temporär ausknipsen - und zwar mit transkranieller Stimulation (TMS), bei der eine Magnetspule an den Kopf angelegt wird und ein Impuls die Neuronen durcheinander bringt. Machten sie dies gezielt in der rTPJ, konnten die Versuchspersonen die Absichten des Giftmischers nicht mehr richtig einschätzen und orientierten sich am Ausgang des Versuches. So hatten sie weit weniger Nachsicht für den Mann, der seine Frau zufällig tötete. Hingegen ließen sie im Falle des gescheiterten Mordversuchs häufiger Gnade walten.

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  1. Streit um das soziale Hirn
  2. Sie lesen jetzt Wenn die Empathie ausgeknipst wird
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(SZ vom 05.01.2010/beu)