Im Ausland werden manche Straftäter über eine elektronische Fußfessel kontrolliert. Doch kann man ähnliche Systeme auch bei Demenzkranken anwenden - oder ist das unmenschlich?
Die Bewohnerin des Altenheims St. Josef in Oldenburg war vor dem Abendessen mit ihrem Elektroroller ausgebüxt. Doch im Wald kippte das Gefährt um, die hilflose, demente Frau konnte sich nicht mehr bewegen. Suchtrupps kamen zu spät, die Frau starb.
Auch eine Möglichkeit, um Demenzkranke zu orten? Im europäischen Ausland tragen Straftäter bisweilen Fußfesseln - und dürfen deshalb zu Hause ihre Strafe absitzen. (© Foto: ddp)
Anzeige
Für Heinz Wingbermühle, den Verwaltungsleiter des Heims, gab der Vorfall den Ausschlag: Er schaffte ein elektronisches Personenortungssystem an.
Immer mehr alte Menschen in Deutschland erkranken an Demenz, viele von ihnen haben eine sogenannte Weglauftendenz und sind in Sekundenschnelle verschwunden. Mit Elektronik und Satelliten ließen sie sich problemlos orten, vorausgesetzt sie tragen einen Sender bei sich, den man je nach Standpunkt als elektronische Leine oder Schutzengel bezeichnen kann.
Heimleiter Wingbermühle zumindest ist angetan: "Für demente Bewohner eines offenen, integrativen Heims ist so ein System sinnvoll. Das Ortungssystem ist gegenüber dem Einschließen die weichere Variante."
Zumindest die Technik ist ausgereift. Moderne Geräte strahlen regelmäßige GPS-Signale ab, die über ein Online-Portal übermittelt werden, so dass die Betreuer am Monitor den Standort etwa eines Heimbewohners auf fünf bis zehn Meter genau bestimmen können.
Auch virtuelle Zäune lassen sich errichten: Verlässt die Person den festgelegten Bereich, meldet sich ein Alarm. Zudem können verirrte Personen selbst über eine Taste Notrufe an eine zuvor festgelegte Nummer absetzen.
Angst vor dem gläsernen Menschen
Probleme gibt es noch am ehesten in Gebäuden, wo der GPS-Empfang schwierig wird. Experten wünschen sich daher eine Kombination mit dem Handystandard GSM, so dass die Ortung auch über Funkzellen erfolgen könnte.
Ansonsten seien seine Kunden mit der Technik weitgehend zufrieden, sagt Diplom-Ingenieur Guido Peters, der in Hamburg ein Geschäft für Navigationssysteme führt: "Das ist alles gut nachvollziehbar." Zwar fehle es noch an Nachfrage, "aber es kommt Bewegung in den Markt".
Schwieriger ist die Frage nach der ethischen Bewertung des elektronischen Ortungssystems. "Es gibt eine tiefsitzende Angst vor Big Brother, vor dem gläsernen Menschen, gerade in unserer Kultur.
Da ist die Furcht, die eigene Autonomie zu verlieren", sagt Hans-Werner Wahl vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg und Leiter der Abteilung für Psychologische Alternsforschung. Er untersucht unter anderem den Einsatz von Technik bei Alzheimererkrankungen und weiß: "Viele Pfleger denken, zur guten Pflege gehört doch keine elektronische Fußfessel."
Dennoch plädiert Hans-Werner Wahl für den Einsatz der Systeme, vorausgesetzt alle Beteiligten werden vernünftig einbezogen. "Das ist alles eine Sache der guten Vorbereitung mit Pflegern und Angehörigen." Wenn Betroffene erst einmal verschwunden seien, gehe es nun mal wesentlich um Schnelligkeit, und da seien die GPS-basierten Systeme effektiver als die Polizei.
Wahl glaubt außerdem an eine Förderung der Lebensqualität: Dank elektronischer Überwachung könnte man schon im Vorfeld bei Erkrankten vielleicht häufiger auf das Fixieren verzichten.
Gefühl der Freiheit
Hingegen plädiert Ulrike Knebel vom Vorstand der Deutschen Alzheimer Gesellschaft gegen den Einsatz von Personenortungssystemen. Dabei kennt die Pfarrerin aus Dortmund die verzweifelte Suche nach vermissten Angehörigen aus eigener Anschauung.
Knebel beruft sich darauf, dass viele Menschen, die nach dem Weglaufen von der Polizei wieder gefunden würden, von einer schönen Erfahrung berichten - manche hätten sogar ein Gefühl der Freiheit.
Personenortungssysteme, meint Knebel, dienten mehr der Beruhigung der Angehörigen, verstießen aber gegen die Menschenwürde. "Der Standort der Menschen muss dann ja auch regelmäßig überprüft werden", sagt Knebel. Und wenn einer seinen festgelegten Bereich verlassen habe, müsse der Pfleger hinterhergehen.
Das könne doch gar nicht kontinuierlich geleistet werden. Eine bessere Alternative für Knebel: "Man müsste Gärten eben so bauen, dass die Leute nicht rauskönnen." Und wenn sie doch entwischen? "Freiheit ist auch die Freiheit, weglaufen zu können", sagt die Pfarrerin.
- Thema
- Personenortung RSS
(SZ vom 07.01.2010/gal)
Vor der EM in Polen und der Ukraine
Der Beitrag zeigt Mal wieder, wie sich Journalismus für Lobbyarbeit missbrauchen lässt. Niemand braucht eine Satellitenortung für Demenzkranke! Man muss Mal sehen, wieviele Demenzkranke es gibt (und vor allem künftig bei einer weiter alternden Gesellschaft geben wird) und wieviele davon verlustig gehen. Klar gibt es Demenzkranke, die auf "Trebe" gehen. Aber in 99,99 % werden sie wiedergefunden - und das in der Regel ohne allzu große Mühen (meistens schon deswegen, weil der größte Teil der Demenzkranken gar nicht über die Beweglichkeit verfügt, allzuweit von zu Hause oder dem Pflegeheim "abzuhauen". Und für die minimalen Fälle dauerhaften Verlusts gilt: Es gibt in allen Lebensbereichen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit! Und der lautet, dass eine Satellitenüberwachung kostenmäßig in keinem Verhältnis steht. Es ist geradezu kostenmäßig Irrsinn. Offensichtlich gibt es immer noch unbelehrbare, die meinen, im Gesundheits- und Pflegebereich ist einfach alles zu machen, was machbar ist! Und dahinter sitzt ein geldgeile Industrie. Übrigens: Wenn wir dann die ganzen Alten verdrahtet haben, was spricht dagegen, auch für Kinder GPS-Sender einzuführen. Auch bei Jugendlichen könnte man künftig viel leichter schulflüchtige aufspüren und staatlich liebevoll umsorgen. Und es gibt auch Autounfälle, die unentdeckt bleiben. Liegt zwar im Promillebereich! Aber wer wollte nicht jedes Leben schützen. Also für alle Autos GPS-Systeme mit Dauerverbindung! Und wenn wir auf diese Weise schon fast alle GPS-mäßig erfasst haben, widerspräche es dem Gleichheitsgrundsatz, nicht alle anderen auch gleich zu erfassen! Big Brother is watching you!