Elchplage auf Neufundland "Wie die Ratten"

Vor mehr als 100 Jahren wurden Elche auf Neufundland zur Jagd angesiedelt. Heute sind sie eine Plage - mit schweren Folgen für die Natur.

Von Bernadette Calonego

Als 1904 je zwei Elchbullen und -weibchen auf die kanadische Insel Neufundland eingeführt wurden, sollten diese eigentlich nur die Karibus ersetzen, deren Bestand stark abgenommen hatte.

Man wollte ein paar Tiere haben für die Jagd. Mittlerweile zeigt sich, dass dieser Plan ein wenig übererfüllt wurde: Schätzungsweise 120.000 bis 150.000 Elche streifen derzeit durch die Wälder der Insel und manchmal auch durch die Straßen der Provinzhauptstadt St. John's. Auf einen Menschen kommen nun vier Elche - und das hat Folgen für die Natur.

"Es gibt zu viele verdammte Elche in Neufundland"

"Auf der Halbinsel Avalon, wo ich wohne, sind bis zu 50 Prozent der Tannen und Birken zerstört", schimpft Eugene Conway aus dem Dorf Conception Harbour und Experte für seltene Flechten. "Es gibt zu viele verdammte Elche in Neufundland, und sie laufen herum wie die Ratten."

Ein Wunder ist das nicht: Bereits 1930 waren die Wölfe auf der Insel ausgerottet, die einzigen natürlichen Feinde der Elche. Zudem gilt seit 30 Jahren ein Gesetz, dass sogar vorschreibt, so viele Elche wie möglich "zu produzieren", damit die Jäger immer genügend Tiere vorfinden.

Elche aber sind die größten Hirsche der Welt. Sie vertilgen täglich bis zu 25 Kilogramm Futter, am liebsten junge Tannen und Birken, aber auch niedrige Pflanzen im Untergehölz, die für andere Tiere wichtig sind.

Der Wald kann sich nicht mehr regenerieren

"Sie knabbern an jungen Bäumen, bis diese sterben", sagt Tom Knight, Ökosystem-Wissenschafter im berühmten Gros-Morne-Nationalpark im Westen Neufundlands, der zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.

Auch hier kann sich der Wald nicht mehr regenerieren; es entstehen offene Grasflächen, auf denen sich Pflanzen wie Disteln verbreiten. In dem Park leben derzeit sieben Elche pro Quadratkilometer. Die haben dafür gesorgt, dass in den vergangenen Jahren nur ein Viertel des Waldes nachgewachsen ist. "Es ist dramatisch", sagt Knight.

So hängt die Zukunft der Wälder wohl davon ab, dass sich die Naturschützer mit ihren Jagdplänen durchsetzen. Die Gros-Morne-Parkbehörde will bis zu 4000 von den rund 5000 dort lebenden Elchen für den Abschuss freigeben. Die Regierung von Neufundland hat mehr als 2000 zusätzliche Abschussgenehmigungen bewilligt und die kommende Jagdsaison im Herbst um drei Wochen verlängert.

Dem steht die Jagdlobby entgegen, die weiterhin hohe Erfolgsraten bei der Pirsch erzielen will. Womöglich wird aber ein ganz anderes Argument die Debatte entscheiden: 20.000 Bürger haben jetzt in einer Petition gegen die Elche votiert, weil diese immer mehr Verkehrsunfälle verursachen. Allein im vergangenen Jahr waren es insgesamt 800 Zusammenstöße, vier Menschen starben.