El Niño Klimaforscher: "Sie können nicht überall die Deiche immer höher bauen"

Hohe Temperaturen im Pazifik sind ein Anzeichen dafür, dass ein El Niño bevorsteht.

(Foto: NOAA)

Mojib Latif erforscht das Wetterphänomen El Niño, das gerade mit Wucht den Pazifik trifft. Hängt das Klimaphänomen mit der Erderwärmung zusammen?

Interview von Oliver Das Gupta

Mojib Latif, 1954 in Hamburg geboren, hat am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel eine Professur inne und leitet den Bereich maritime Meteorologe. Seit Langem erforscht Latif das Wetterphänomen El Niño.

SZ: Herr Latif, was erhoffen Sie sich vom Abschluss der Klimakonferenz?

Mojib Latif: Es wäre wichtig, dass der Stillstand beim Klimaschutz beendet wird. Denn wir haben im Prinzip bislang nichts erreicht.

Ein hartes Urteil.

Aber leider Realität. Nach 20 Klimakonferenzen ist das Gegenteil von dem passiert, was notwendig wäre. Der Ausstoß von Treibhausgasen ist nicht gesunken, sondern explodiert. Anspruch und Wirklichkeit liegen denkbar weit auseinander.

Mehr als 160 Länder haben nun vorgelegt, was sie bereit sind zu tun, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen.

Summiert man die Angaben, landet man im Ergebnis deutlich über den zwei Grad. Dazu muss man sagen, dass die zwei Grad das Ergebnis einer politischen Einigung sind. Wissenschaftlich kann man höchstens 1,5 Grad oder besser weniger zulassen.

Das Jahr 2015 wird wohl das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen. Welche Rückschlüsse lässt das auf den Klimawandel zu?

Dieses Jahr muss man im Zusammenhang mit den Vorjahren betrachten, denn die Rekorde häufen sich. 2014 war schon das wärmste Jahr, seitdem vor gut 100 Jahren die instrumentelle Messung begonnen hat. 2015 schlägt diesen Rekord, auch weil es ein El-Niño-Jahr ist. Mit der Temperatur einher gingen bestimmte, außergewöhnliche Ereignisse: Mit "Patricia" gab es vor der Pazifikküste Mexikos den stärksten Hurrikan, der jemals in der Region registriert wurde.

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"Patricia" war Teil des Klimaphänomens El Niño.

El Niño gibt es seit Abertausenden Jahren. Aber in dieser Heftigkeit wurde noch kein Wirbelsturm im Ostpazifik beobachtet. Und im westlichen Indischen Ozean entwickelte sich ein großer Zyklon - so südlich hatten wir noch nie einen tropischen Wirbelsturm. So kommt es, dass ein Land wie Jemen plötzlich von einem ungewöhnlich schweren Unwetter betroffen ist. Auch bei uns in Deutschland gab es Extreme: In Süddeutschland waren die Temperaturen ja schon verdammt hoch und die Trockenheit drastisch.

Verstärkt El Niño den Klimaeffekt? Oder der Klimaeffekt El Niño?

Vermutlich sowohl als auch. Jahre der Wärmerekorde sind oft El-Niño-Jahre. Das Klimaphänomen erwärmt ja eine riesige Fläche des Pazifiks und das schlägt natürlich voll auf die globale Temperatur durch. Einige Modelle - darunter auch unseres in Kiel - gehen davon aus, dass sich El Niño durch die Klimaerwärmung verstärken wird. Die Klimaforscher sind sich da uneins. Aber auffällig ist schon, dass wir in den letzten vier Jahrzehnten die drei stärksten El Niño-Ereignisse hatten: 1982/1983, 1997/1998 und nun 2015/2016.

Wenn die Klimaforscher sich in diesem Hinblick noch unsicher sind: Sind Warnungen vor sehr starken El Niños dann nicht eher kontraproduktiv für den Kampf gegen die Erderwärmung? Bereits für 2014 wurde ein solches Ereignis vorhergesagt, ohne dass es eintrat. Machen sich Wissenschaftler damit unnötig angreifbar?

El-Niño-Vorhersagen sind zweifellos mit Unsicherheiten behaftet. Die Vorhersagen sind aber trotzdem nützlich, weil sie über die Jahre betrachtet eine hohe Trefferquote haben.

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Auf welche klimatischen Veränderungen müssen wir uns in Deutschland in den kommenden Jahren einstellen?

Es wird wärmer, die Winter dürften noch milder werden. Es gibt künftig weniger Schnee und Eis, deutlich mehr Winterniederschläge, gleichzeitig aber auch mehr sommerliche Trockenperioden. Also: Entweder es regnet gar nicht wie diesen Sommer in Süddeutschland, oder wenn, dann wie aus Kübeln. Was die Küstenregionen angeht: Der Meeresspiegel wird weiter steigen. Wir wissen zwar nicht, um wie viel genau. Aber bis Ende des Jahrhunderts im schlimmsten Fall bis zu einem Meter.

Können Deiche effektiv schützen?

Sie können nicht überall die Deiche immer höher bauen, vor allem in Städten wie Hamburg, die direkt am Wasser liegen, ist die Fläche schlichtweg nicht vorhanden. Global betrachtet hat der steigende Meeresspiegel drastische Auswirkungen. Die Inselstaaten werden untergehen, auch wenn das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden sollte.

Mojib Latif ist Klimaforscher am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung.

(Foto: César / CC-by-sa-2.0)