Eisschmelze in der Arktis "Folgenreicher als die Euro-Krise"

US-Wissenschaftler warnen: Die Eisfläche auf dem Arktischen Ozean ist auf Rekord-Niveau abgeschmolzen. Ursache ist offenbar der vom Menschen verursachte Klimawandel. Experten zeigen sich erschüttert von den neuen Daten.

Das Meereseis im Arktischen Ozean ist auf Rekord-Niveau abgeschmolzen, melden US-Wissenschaftler. Die Eisfläche ist ihnen zufolge in diesem Sommer bereits auf eine Flächevon 4,09 Millionen Quadratkilometer zurückgegangen. Das sei der tiefste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen durch Satellitenaufnahmen 1979, teilte das National Snow and Ice Data Center (NSIDC) an der Universität von Colorado, USA, mit. In den kommenden Wochen dürfte das Eis noch weiter schmelzen, warnen die Fachleute.

Klimawandel Dramatische Eisschmelze in der Arktis

Satellitenbilder der Nasa zeigen, wie das Eis auf dem Arktischen Ozean jährlich zu- und abnimmt. In den vergangenen Jahren war die Schmelze mehrmals besonders stark. 2012 ist die Fläche auf den bislang geringsten jemals gemessenen Wert zurückgegangen.

(Video: Nasa/Goddard Space Flight Center, Foto: Nasa/Goddard Space Flight Center)

Das Eis im Polarmeer bedeckt im Winter normalerweise eine Fläche von mehr als 15 Millionen Quadratkilometern, schmilzt im Sommer und nimmt ab Mitte September wieder zu.

Die Ursache dafür, dass das Eis jetzt weit mehr als üblich schmilzt, ist Ted Scambos vom NSIDC zufolge der durch den Menschen verursachte Klimawandel. Neben den Treibhausgasen gebe es auch natürliche Ursachen, wie einen Sturm, der im August Teile der Eisdecke zum Schmelzen gebracht habe, sagt Scambos. Dies sei jedoch die einzige meteorologische Besonderheit, die eine Rolle gespielt habe.

Bislang lag der Tiefstwert im September 2007 bei 4,17 Millionen Quadratkilometern. Damals waren allerdings auch alle meteorologischen Bedingungen für eine starke Schmelze vereint, erklärte Mark Serreze, Direktor des Datenzentrums. Trotzdem sind diesmal fast 70.000 Quadratkilometer mehr geschmolzen als vor fünf Jahren.

Anfang der 1980er Jahre betrug die arktische Eisbedeckung noch etwa sieben Millionen Quadratkilometer. In den vergangenen Jahren wurden vermehrt Hitzerekorde gemessen. So zählten 13 der vergangenen 15 Jahre zu den wärmsten seit Beginn der Messungen überhaupt. Die dramatische Eisschmelze, die seit 2007 alljährlich mit Ausnahme eines Jahres im Nordpolarmeer zu beobachten sei, zeige ein Muster, dass nur durch den Klimawandel erklärbar sei.

Der jetzt erreichte Rekordwert sei ein "wesentlicher Schritt" hin zu einer Zeit, in der es in der Arktis im Sommer keine signifikante Meereisdecke mehr geben werde, sagte Nasa-Wissenschaftler Waleed Abdalati. "Warum uns das Sorgen machen sollte? Weil dieses Eis ein wichtiger Faktor bei der Entstehung der Klima- und Wetterbedingungen war, unter denen die moderne Gesellschaft sich entwickelt hat", so Abdalati.

Eine geringere Eisausdehnung begünstigt die Erderwärmung, da weniger Sonnenlicht vom Eis reflektiert und so mehr Hitze im Ozean gespeichert wird. Die globale Erwärmung kann wiederum zu einem weiteren Schmelzen des Polareises führen. Auch hilft das Meereis im Arktischen Ozean, die Temperaturen im Süden zu regulieren.

Eine in diesem Jahr im Fachmagazin Geophysical Research Letters veröffentlichte Studie zeigte Zusammenhänge zwischen der Schmelze des arktischen Meereises und extremen Wetterphänomenen wie Dürren, Hochwasser sowie Kälte- und Hitzewellen auf.

Geradezu erschüttert zeigte sich die Autorin dieser Studie, Jennifer A. Francis von der Rutgers University in New Jersey, angesichts der neuen Daten. "Es ist selbst für Menschen wie mich kaum zu glauben, dass unsere schlimmsten Befürchtungen eintreffen", sagte sie der New York Times. "Um die Wahrheit zu sagen, lässt mich das erschauern."

Auch Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung stellt auf seiner Website fest: "Tatsächlich dürften die Ereignisse in der Arktis sich langfristig als wesentlich folgenreicher für uns alle erweisen als die meisten der derzeit in den Medien sehr breit diskutierten Themen, einschließlich der Euro-Krise."