Bewusst einkaufen, zum Wohl der Tiere und der Umwelt: Die Käufer von Bio-Produkten fühlen sich offenbar moralisch entlastet - und handeln deshalb an anderer Stelle gewissenlos.
Wer im Biomarkt kauft, sorgt sich auch um die Umwelt. Gemüse vom Öko-Acker wird schließlich ohne Pestizide angebaut. Vielen liegt auch das Wohl der Tiere am Herzen. Im Bio-Stall gestattet man Kühen und Schweinen ein artgerechtes Leben.
Erst politisch korrekt einkaufen, dann Mitmenschen schlechter behandeln? Das Wechselspiel von guten und schlechten Taten wirkt offenbar auch bei Biomarktkunden. (© Foto: ddp)
Anzeige
Ein Bio-Schnitzel zu kaufen, bedeutet nicht nur Genuss, es ist eine gute Tat. Für viele Biomarkt-Kunden sind die Waren in ihrem Korb deshalb auch Werkzeuge, mit denen sie die Welt verändern können - zum Besseren natürlich. Bio-Kunden tun indirekt Gutes, sind sie deshalb besonders moralisch handelnde Menschen?
Offenbar nicht. In einer vom Fachmagazin Psychological Science (Online-Ausgabe) veröffentlichten Studie zeigen Nina Mazar und Chen-Bo Zhong von der Universität Toronto, dass Probanden, die zuvor Bio-Produkte gekauft hatten, Mitmenschen anschließend schlechter behandelten, als es die Kunden konventioneller Lebensmittel taten.
Die kanadischen Forscher erklären in der Studie ein generelles Muster menschlichen Verhaltens. Wer moralisch handelt und sich zum Wohle anderer verhält, leitet daraus häufig das Recht ab, gegen Normen zu verstoßen.
Im Verlauf der Untersuchung der beiden Wissenschaftler wurden Öko-Produkte von den Probanden durchweg als positiv eingeschätzt. Deren Käufer bewerteten sie als verantwortungsbewusst und sozial eingestellt.
Ein Öko-Produkt zu kaufen, galt als sozial wünschenswert. Indem die Versuchsteilnehmer in einem Online-Laden umweltfreundliche Waren kauften, versicherten sie sich selbst ihrer edlen Motive, berichten die Psychologen.
Anschließend sollten die Probanden dann Geld teilen. Sie selbst konnten entscheiden, wie viel sie von einem Betrag abgeben wollten. Wer sich zuvor durch den Bio-Einkauf in positivem Licht präsentiert hatte, war weniger generös als Kunden, die gewöhnliche Lebensmittel gekauft hatten. In einem weiteren Test klauten und logen die Öko-Käufer sogar mehr als die Versuchspersonen, die zuvor nur normale Waren erworben hatten.
Wer Gutes tut, kann sich auch einmal etwas erlauben - die Psychologen Benoît Monin und Dale Miller haben für dieses Phänomen den Begriff "Moral Credentials" geprägt.
Sie hatten festgestellt, dass Menschen eher sexistische oder rassistische Meinungen äußern, wenn sie sich zuvor als aufgeklärt und vorurteilsfrei gerieren konnten. So bleibe das Selbstbild als gut handelnder Mensch intakt - obwohl dagegen verstoßen wurde.
"In dem Moment, in dem man sich in einem Bereich selbst bestätigt hat, erlaubt man sich anderswo eher eine Abweichung", sagt auch der Sozialpsychologe Dieter Frey von der Universität München. Wissenschaftler haben dies in zahlreichen Studien immer wieder gezeigt: So spendeten Menschen weniger, wenn sie sich selbst zuvor als moralisch und gut beschrieben hatten.
Der Psychologe Daniel Effron von der Universität Stanford berichtete kürzlich, dass Probanden in einem Versuch eher negative Stereotypen über dunkelhäutige Amerikaner äußerten, wenn sie sich zuvor als Anhänger von US-Präsident Barack Obama zu erkennen gegeben hatten.
Marketingforscher beobachteten, dass sich Luxusgüter dann besonders leicht verkaufen lassen, wenn dies mit der Ankündigung verbunden wird, dass ein Teil des Erlöses für einen guten Zweck gespendet werde.
Fast alle Menschen zeigen auch im Alltag ähnliches Verhalten: Wer eben schon die Spülmaschine ausgeräumt hat, der leitet daraus schnell das Recht ab, dass er nicht auch noch den Müll runterbringen muss.
Ob Mobiltelefone oder drahtloses Internet krank machen können, wird eifrig diskutiert, und es gibt in jedem Haushalt eine Fülle weiterer Sender. Ein Schwerpunkt dazu, was die Forschung über deren Wirkung weiß. Jetzt lesen ...
- Thema
- Psychologie RSS
- Leben mit der Doppelmoral Die Lizenz zur Sünde 13.08.2009
- Wahnsinn im Büro Bin ich der einzige Normale hier? 14.05.2010
- Psychologie Altersweisheit gibt es wirklich 07.04.2010
- Stress im Beruf Angst essen Motivation auf 25.03.2010
- Psychosomatik Balsam für die Neuronen 24.03.2010
- Motivation von Kindern Loben lernen 23.03.2010
- Partnerwahl Wann Männlichkeit am meisten zählt 17.03.2010
(SZ vom 12.03.2010/gal)
Schuldenkrise in Griechenland
In jeder Käufergruppe kann man finden, wonach man suchen möchte.
Will ich Pädophile bei den Konsumenten von Bio-Produkten finden, dann werde ich auch diese auch finden.
Bio-Produkte sind ja so manchem Wirtschaftszweig ein Dorn im Auge. Sind doch deren Konsumenten etwas kritischer und mit der gesunden Zubereitung unserer Nahrung vertraut.
Kommt ein solcher Artikel aus der Feder eines Wissenschaftlers, der mit mit der Firma Kellogg verbandelt ist, der in China 'Industrial economics' studiert hat - dann verpufft solch ein Artikel zumindest für mich in ein wenig Schall und noch weniger Rauch.
ja, das ist schon ein etwas seltsamer artikel.
allerdings auch nicht ganz unwahr.
es ist eben die einfachste methode sich ein halbwegs reines gewissen zu verschaffen.
lieber bio fleisch kaufen als weniger, lieber ein hybridauto kaufen als rad fahren und sich am besten mit den erschreckenden fakten erst gar nicht auseinander setzen.
ausserdem erlebe ich oft, dass leute bio produkte aus reinem egoismus kaufen -weil sie oft besser schmecken und man eben keine pestizide und geschmacksverstärker im essen haben will.
Hihi - erinnert mich hier an das Forum, die die sich hier als besonders liberal und weltoffen gerieren sind im Regelfall die die als erste beleidigend werden wenn man mal nicht auf "Linie" ist... :-)
... als ich ich in München noch studiert habe, das war zwischen 1993 und 1997, hatte ich die SZ abonniert und jeden Tag meine kleine SZ-Lesezeremonie abgehalten. Morgens vor der ersten Vorlesung mit einer Kanne wunderbarem Schwarzen Tee.
Und damals habe ich die SZ so gerne gelesen. Sie war gut geschrieben, und hatte selbst im Sommerloch gut recherchierte Beiträge und Artikel.
Dann kam die Zeit, als jede Menge Journalisten rausgekickt wurden, um Kohle zu sparen. Und anscheinend der Fokus auf Werbeeinnahmen gelegt wurde.
Und jetzt sieht man das Ergebnis: Beiträge wie dieser oder der gegen die Lebensmittel-Ampel, die sich so lesen, als seien sie 1:1 aus den Presseabteilungen der Lebensmittelkonzerne übernommen worden oder von naiven Volontären geschrieben, die nicht anecken wollen.
Und bloß nichts mehr schreiben, was die Werbekunden verärgern könnte.
"Das Gehirn ist auf Energiezufuhr angewiesen, aber die Qualität der Nahrung lässt nach, und damit steigt das Risiko für Geist, Gedächtnis und Psyche. Britische Forscher beklagen einen Rückgang der Geistesleistung: In Indien seien 56 Prozent der Schüler nur eingeschränkt lernfähig, in Polen und Tschechien habe sich die Zahl der Sonderschüler verdoppelt. Auch in Großbritannien sinke die "genetische Komponente der Intelligenz" um einen halben Prozentpunkt pro Generation, klagt Prof. Michael Crawford von der Universität von Nord-London. Die Folge: "Die Kapazität des Gehirns nimmt nicht mehr zu, sondern ab." Schuld seien die Nahrungsindustrie und ihr Bestreben, "billige Nahrung herzustellen". Die Revolution in der Landwirtschaft habe zwar dank Kunstdünger und chemischen Giften die Erträge explodieren, aber hirnwichtige Bestandteile wie Eisen und bestimmte Fette schwinden lassen."
(Quelle: Abendblatt)
Liebe SZ,
ich bedauere es außerordentlich, dass Ihr Blatt auf dieses erbärmliche Niveau abgesackt ist. Wie ein-fältig müssen wohl Marketing-Manager sein, die solche Studien zum Zwecke der Käufer-Diffamierung in Auftrag geben und auch noch publizieren lassen? Es muss schon eine große Anzeige gewesen sein, die diese "Studie" auf die erste Seite der Printausgabe katapultiert hat. Und, liebe SZ, haben Sie schon einmal daran gedacht, dass Ihr potentieller Kundenkreis eher in der Bio-Ecke zu finden ist - und durch solche unreflektierten Hetz- Artikel sicher einen Käufer der Printausgabe weniger haben werden: Mich. Nach H4-Hetze, mit dem Sie ihr Blatt vollschmieren, nun die Hetze auf eine Käuferschicht, die der Nahrungsmittelvergifterindustrie ein Dorn im Auge ist. Leider, leider ist das Ihr Verständnis von Qualitätsjournalismus geworden.
Vielleicht sollte die SZ den Qualitätsjournalisten mal gesundes Essen spendieren, damit das Hirn wieder richtig genährt wird und auch wieder einwandfrei funktioniert? Um Qualität von Schmierenjournalismus zu unterscheiden...
Paging