Nächsten- und Feindesliebe sowie Selbstlosigkeit sind wichtige Bestandteile der christlichen und anderer Religionen. Wie passen diese Ansprüche zur Vorstellung von egoistischen Genen? Fragen an den Soziobiologen Eckart Voland.
sueddeutsche.de: Die Religionen nehmen für sich in Anspruch, unser moralischer Kompass zu sein. Und viele von uns orientieren sich auch danach. Besteht da nicht ein eklatanter Widerspruch zu den Annahmen der Soziobiologen?
Gott straft die Stadt Sodom. Mosaik aus dem 12. Jahrhundert im Dom von Monreal, Sizilien. (© Foto: oh)
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Voland: Das ist ein spannendes Thema. Die evolutionäre Religionswissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen. Aber ich bin überzeugt davon, dass man Religion analytisch in ihre verschiedenen Komponenten zerlegen und vor dem Hintergrund der evolutionären Naturgeschichte des Menschen erklären kann. Das betrifft auch die ethischen Forderungen, die mit Religion verbunden sind.
Es gibt zum Beispiel im Christentum und dem Islam den strafenden, allwissenden Gott, vor dem man Angst haben muss. Der die Einhaltung der Werte fordert und überwacht. Bei den naturnahen Völkern gibt es das praktisch nicht. Die dortigen Geister, Ahnen und Götter haben ganz andere Funktionen.
Woher kommt nun die Vorstellung des strafenden Gottes? Wir sind auf Kooperationen angewiesen und zugleich dem Schwarzfahrerproblem ausgesetzt. Nun können die Mitmenschen einen Normabweicher bestrafen. Aber das ist ein selbstloser Akt.
sueddeutsche.de: Wieso denn das?
Voland: Der Strafende wendet Energie für die Bestrafung desjenigen auf, der sich nicht gruppendienlich verhalten hat. Er tut etwas für die Gemeinschaft. Aber warum sollte gerade er das tun? Damit haben wir ein Schwarzfahrerproblem zweiter Ordnung. Nun könnte es sein, dass gerade solche Gruppen historisch einen Vorteil hatten, die dieses Schwarzfahrerproblem zweiter Ordnung externalisiert haben.
sueddeutsche.de: Deshalb wurde der allwissende strafende Gott als externe Instanz eingeführt?
Voland: Der sorgt dafür, dass bitteschön alle brav ihre Normen einzuhalten haben. Wenn die Angehörigen einer Gruppe daran geglaubt und sich deshalb den Normen gemäß verhalten haben, konnten sie als Gruppe stark sein. Stark genug, um sich evolutionär durchzusetzen gegenüber Gruppen, die nicht diesen Grad an Kooperationsbereitschaft erreicht hatten, weil ihnen der Zentralglaube an eine strafende Instanz fehlte. Das wäre ein sich selbst verstärkender evolutionärer Effekt.
Zum moralischen Anspruch der Religionen kann man übrigens noch sagen: Je moralischer die Gläubigen innerhalb der Gruppe sind, desto feindseliger sind sie nach außen.
Strenggläubigkeit erhöht die Kooperationsbereitschaft innerhalb der Gruppe, zugleich werden die Mitglieder nach außen wehrhafter und vielleicht auch aggressiver. Religionen sind sehr wahrscheinlich im Zuge von Zwischengruppenkonflikten entstanden, und nicht selten scheint dieser historische Ursprung auch heute noch durch.
sueddeutsche.de: Die christlichen Werte wie Nächstenliebe und Feindesliebe sollen aber doch prinzipiell nicht nur innerhalb der Gemeinde der Gläubigen gelten.
Voland: Betrachten wir einmal die Bibel. Das Alte Testament ist voll mit Hinweisen auf Feindbilder, Genozid und etliche allzumenschliche Neigungen. Dieses Buch ist sozusagen ein Lehrbuch der Soziobiologie.
sueddeutsche.de: Aber Theologen sagen, mit der Figur des Jesus im Neuen Testament habe sich die Ethik weiter entwickelt und die moralischen Werte auf eine höhere Stufe gehoben.
Voland: Das mag sein. Aber haben uns die Kirchenväter denn wirklich seit 2000 Jahren die Feindesliebe gepredigt? Das Christentum hat sehr viele imperiale und expansive Phasen durchlebt, von den Kreuzzügen bis zur Hexenverfolgung. Eine grauenvolle Geschichte. Und selbst wenn die Feindesliebe gepredigt wurde - sie wurde nicht realisiert.
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Mubarak-Prozess in Ägypten
Nicht zu raten wäre, sich mit den Thesen von Voland zu intensiv zu beschäftigen, da zu rational. Letztlich glaubt er, dass, weil Religionen und Kirchen versagten, die von ihm definierten Naturgesetze ohnehin ein allseligmachendes Korrektiv darstellen.
Was ist Natur, was Humanität, was das Ziel der Evolution?
Sind Naturgesetze auf Zerstörung aus, hat es sich`s mit der Humanität. Wer und was steckt hinter allem? Die Destruktion, sprich das gewaltsame Ende oder die Befreiung von Naturgewalten, damit von Schwere und Mühen?
Für Kleinkinder ist Geborgenheit, Vertrauen, Zutrauen überlebensnotwendig. Warum nur dort, warum nicht auch später? Eine Gesellschaft, die haut und sticht, ist alles andere als freundselig. In einer solchen kommen Psychopathen hervor, die dann auch noch herrschen, bestimmen wollen.
Dass es mit den Idealen von Religionen nicht so klappt, ändert nichts an der Richtigkeit ihrer Werte. Dass es nicht so klappt, liegt an dem Böse- und Gut-Spiel. Denn dieses ist wie Bremsen und Gasgeben gleichzeitig: eine Zerreisprobe. Es funktioniert nicht: es geht sogar in die Binsen - diese Erziehung.
Die westlich geprägten Gesellschaften sind allesamt naturwidrig, lebensfeindlich, schizophren eingestellte, damit suizide Gesellschaften. Floskeln von Humanität überschwemmen sie. Wer allergisch auf sie reagiert, hält es in ihnen nicht aus, wird zum Zyniker.
Das Interview hat zu keiner befriedigenden Lösung geführt. Im Gegenteil: es macht Liebe, Zuneigung, Geborgenheit, Vertrauen zu einem bloßen Werkzeug statt zu dem, was sie eigentlich sind.
Die Welt kann rational nicht verstanden werden, falls sie unendlich, unzerstörbar sein sollte. Mit einem akademischen Hirn lässt sich solche Welt nicht ergründen. Da liegt mir die Weltauffassung eines Goethe schon sehr viel näher: die Erlösung liegt im sozialen Dienst und nicht im egoistischen Suchen, Gieren und Wühlen.
richard kendel 8 1 5 4 5 Mü.
Wenn diese Theorie stimmen wuerde, dann muessten rund um die Welt und quer durch die Geschichte Menschen aus der gleichen sozialen Lage die gleichen Moralvorstellungen entwickeln. Dies ist nicht der Fall.
Es hat sich zudem gezeigt, dass ueber den Lauf der Jahrhunderte sich die Moralvorstellungen (zumindest in den meisten Gesellschaften) angepasst und verbessert haben.
Sie ignoriert zudem den Lernprozess. Aeltere Menschen haben andere Moralvorstellungen, als sie sie hatten, waehrend sie jung waren. Folgte man dieser Theorie duerfte das ausgeschlossen sein. Da es genuegend Gegenbeipiele gegibt sehe ich die Theorie als empirisch widerlegt an.
Wenn dieser gott also nur selbstgemacht ist, bleibe ich auf mich selbst geworfen angst breitet sich aus vielleicht muss ich mir da doch wieder einen gott denken?
Wer es aushaelt muss es nicht!
mfg KT
sollte die Religion nicht auf einen moralischen Katalog reduzieren. Denn Naturreligionen und das Christentum haben durchaus etws gemeinsam, nämlich den Glauben an Gott/Götter. Insofern ist die eine Stufe der Weiterentwicklung des Glaubens die Idee des Absoluten, die zweite erst eine moralische Handlungsanweisung, die aus dieser Idee abgeleitet wird.
Mir ist zudem nicht ganz klar geworden, woher wir diese moralischen Voraussetzungen nehmen, die uns also a priori gegeben sind.Wenn es stimmt, dass wir uns aus einer anderen Art entwickelt haben, sollte man doch auch die Evolution als eine Art lernprozess begreifen. Dann stammen diese Implikationen für das richtige Verhalten natürlich aus der Natur, die sich nach den Regeln des Fortkommens in ihr richten und diese würden genetisch oder vielleicht durch unbewusste Vermittlung in den ersten Lebensmonaten weitergegeben. Das sehe ich genauso naturalistisch wie Herr Voland. Aber warum sollte es daneben nicht noch eine andere, nicht messbare Kraft geben, die Implikationen für das richtige Verhalten gibt. Mitleid beispielsweise, lässt sich mit dem Zweck erläutern, dass man Kranke pflegen sollte, um selbst gepflegt zu werden. Es dient also dem gemeinsamen fortkommen. Gleichzeit könnte es doch aber eine andere Implikation geben, die das Mitleid fördert. Das Gewissen also, könnte noch eine weitere Quelle als die Moral genannte Zweckmäßigkeit kennen. Kurz die religiöse INTERPRETATION des Mitleids als von Gott gegeben könnte genau so viel wahres enthalten wie die naturalistische Sicht. Wie die IDee des Absoluten eine Berechtigung haben könnte, in der Welt, könnte auch Mitleid unterstützt werden, von einer kraft, die nicht direkt mit dem überlebenstrieb entspringt, sondern einfach da ist, und von außen auf uns einfluss nimmt. Das kann keiner beweisen. Das Gegenteil aber auch nicht.
Die evolutionsbiologische Betrachtungsweise auch der Religionsgeschichte ist möglich und nötig.
Sie sollte nur bitte von kompetenten Forschern betrieben werden. Herr Voland erweckt zumindest in dem Interview nicht den Eindruck, wirklich weiterführend Neues zu sagen.
Denn zum einen versteht er das Evangelium des NT als utopistisches Handlungskonzept, was die Mehrzahl der damit befassten Forscher so sicherlich bestreiten würde.
Dieser Einwand bezüglich des NT läßt sich auch auf alle Religionen insofern erweitern, indem man die Frage aufwirft, ob nicht ein konstitutives religiöses a priori in der Konstitution humanen Selbstbewußtseins angelegt sein könnte. Inwiefern ist die Kategorie des Absoluten auch jenseits moralischer Vorstellungen denknotwendig? Der Einwand bestreitet nicht die Funktionalität der Religion, aber sehr wohl die banale Funktionalisierung als Moralvehikel als Grundfigur des Religiösen.
Interessant wären dann Fragen, wie dieses a priori (was ja auf einer Theorie des Selbstbewußtseins ruht und nicht auf Offenbarung, den ewigen Einwand der Priestersophistik kann man sich also sparen) mit moralischen Funktionen der Vergesellschaft gekoppelt wird.
Aber mit Hau-Drauf-Axiomen kommt man offensichtlich am schnellsten in die Öffentlichkeit. Das ist die ganz eigene Rationalität von Voland.