Ein Gefühl von Heilung Bei mir wirkt es aber

Medikamente, Impfungen, Vitaminpillen: In großangelegten Studien untersuchen Forscher die Wirkung von Mitteln und Methoden. Doch gegen persönliche Erfahrung haben sie keine Chance.

Von Werner Bartens

"Ich habe doch gemerkt, dass es wirkt." Dies ist wohl der häufigste Satz, den Ärzte, Forscher und Medizinjournalisten hören, wenn sie sagen oder schreiben, dass ein Mittel oder eine Methode nicht hilft. Wer am eigenen Leib erfährt, dass es ihm besser geht, seit er die neue Wunderpille, die Kügelchen oder den Saft schluckt, pfeift oft auf Erkenntnisse der Wissenschaft.

"Seit ich Vitaminzusätze nehme, war ich nicht mehr krank", lautet die übliche Argumentation. Kann es überzeugendere Beweise geben? Ja - den Vergleich der Beweise.

Der flämische Arzt Johan Baptista van Helmont kann hier als Vorreiter gelten. Im 17. Jahrhundert war die Mehrzahl der Heilkundigen vom Nutzen des Aderlasses überzeugt. Seit Jahrhunderten hatten sie kaum andere Behandlungsmethoden und ersannen Theorien, warum das Gleichgewicht der Säfte so wiederhergestellt sei und die Krankheit aus dem Körper entweiche.

Helmont hegte Zweifel an der blutigen Praxis. Er schlug einen Test vor, der nahezu heutigen Anforderungen an klinische Studien genügt hätte: Helmont wollte 200 bis 500 "arme Leute" per Los in zwei Gruppen aufteilen. Die eine würde vom Aderlass verschont, den Mitgliedern der anderen Gruppe sollte soviel Blut abgenommen werden, wie es die Befürworter für nötig hielten.

Die Zahl der Begräbnisse sollte als Kriterium für die Wirksamkeit des Aderlasses gelten. Der methodisch stringente Versuch wurde nie umgesetzt. Vielleicht ahnten die Freunde des Aderlass', dass er nicht gut für sie ausgegangen wäre.

Ferne Horrorszenarien

Heute untersuchen Ärzte in aufwendigen Tests, was hilft, nutzt und wirkt. Randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie heißt das Wortungetüm, das die Methode beschreibt. Möglichst ähnlich Kranke oder Gesunde werden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt, und weder Arzt noch Patient wissen, welche Gruppe den zu testenden Wirkstoff oder ein Scheinmedikament erhält.

Ist die Gruppe groß genug und die Methodik sauber, lässt sich erst dann eine Wirkung ableiten, wenn die Teilnehmer in der Wirkstoffgruppe stärker reagieren als die der Placebogruppe. Ergebnisse aus solchen Studien beeinflussen medizinische Laien aber kaum darin, wie sie Risiken wahrnehmen.

Horrorszenarien von Tausenden Toten und mutierten Erregern sind in Deutschland offenbar so fern, dass sich nur 14 Prozent der Bevölkerung gegen die Schweinegrippe impfen lassen wollen. Umgekehrt hat die Diskussion über den vorschnell auf den Markt gebrachten Impfstoff vermutlich dazu geführt, dass die Risiken der Impfung stark überschätzt werden. Die individuelle Bedrohung durch den Pieks erscheint stärker als jede Modellrechnung von Virologen.

Ist die Hoffnung besonders groß, wird kritische Überprüfung gar als Angriff fehlgedeutet. Kürzlich wurde eine vermeintliche Wundercreme gegen Neurodermitis und Schuppenflechte durch den ARD-Film "Heilung unerwünscht" populär. Viele Menschen wollten glauben, dass endlich ein Mittel gegen die Hautleiden gefunden wurde.

Dass die rosa Paste nur in Studien an 49 Teilnehmern oder weniger getestet wurde und damit viel zu wenig untersucht ist, mochten viele Menschen nicht wahrhaben. 49 Menschen in der Schlange in der Kantine sind sehr viel. In einer klinischen Studie sind es lächerlich wenig, weil statistische Ausreißer dazu führen können, dass eine Wirkung über- oder unterschätzt wird.

Erfahrung sticht Beweise

Bei der Einführung von Medikamenten sind Tests an 5000 bis 10.000 Probanden üblich, damit seltene Nebenwirkungen auffallen. Das gilt auch, wenn Mittel länger auf dem Markt sind. Im Jahr 2002 zeigte eine Studie an 16.000 Frauen, dass Hormone in den Wechseljahren mehr schaden als nützen.

Von 10.000 Frauen, die Hormone nehmen, würden demnach innerhalb eines Jahres acht Frauen mehr Brustkrebs bekommen, sieben mehr Infarkte, acht mehr einen Schlaganfall, 18 mehr Thrombosen.

Einem Gynäkologen, der 1000 Patientinnen betreut, wäre das kaum aufgefallen, weil jeweils nur eine Patientin zusätzlich betroffen gewesen wäre. Bezogen auf vier Millionen Frauen, die in Deutschland 2002 Hormone nahmen, geht es jedoch um Tausende zusätzliche Erkrankungen.

Obgleich Forscher seit Jahrhunderten versuchen, Ergebnisse zu objektivieren, wiegt in Gesundheitsfragen die persönliche Erfahrung fast immer schwerer als die Beweislage. Egal, ob es um Früherkennung auf Krebs, Impfungen, homöopathische Pülverchen, Akupunktur oder esoterische Verfahren geht - die eigene Anschauung übertrumpft Sachargumente.

Der vermutete Erfolg steigt mit dem eigenen Einsatz: Wenn man sich anstrengt und womöglich hohe Kosten auf sich nimmt, muss die Wirkung größer sein. Placeboforscher wissen, dass teure Mittel besser wirken als billige - auch wenn in beiden Traubenzucker ist.

Tod trotz Vorsorge

Als großer Einsatz gilt auch gewissenhafte Vorsorge: 2008 starb der 58-jährige US-Moderator Tim Russert an Herzinfarkt - obwohl er Sport getrieben, sich gesund ernährt und keine medizinische Untersuchung versäumt hatte. Sein Tod machte viele Amerikaner nervös.

Ihrer Verunsicherung machten sie in Briefen an die New York Times Luft, sodass die Zeitung schrieb: "Man glaubt nicht mehr, dass Menschen auf diese Weise sterben können - besonders dann nicht, wenn sie intelligent, gebildet, erfolgreich und gesundheitsbewusst sind und von Ärzten betreut werden."

Ist der Glaube an die Wirkung ausgeprägt, lässt man sich ungern ernüchtern. "Ich wünsche dem Autor von Herzen, dass er ein einziges Mal so vom Juckreiz geplagt wird, dass er nachts keine Ruhe findet und statt dessen blutig zerkratzt dem Morgen entgegendämmert", schrieb ein Leser, nachdem in der SZ auf die dürftige Studienlage zur Creme gegen Neurodermitis und Schuppenflechte hingewiesen wurde.

Es geht nicht darum, liebgewonnene Weltbilder zu zerstören. Aber es ist aufrichtiger, Hoffnungen zu enttäuschen als falsche Gewissheiten zu verbreiten.